»Pah,« rief Joachim, »soll ein Preuße nicht sagen dürfen, was er denkt? Was hat denn der Oheim getan? Dem Tugendbund hat er angehört und nachher nur seine Meinung gesagt, daß es ein Unrecht sei, den Bund aufzulösen.«
Raoul horchte auf. Das hatte er noch nicht gewußt; von dem Bruder Frau Marias war selten gesprochen worden. Hatte Joachim vielleicht in Gedanken an den Oheim den Tugendbund gegründet? Und wenn dieser hatte fliehen müssen, war die heimliche Sache nicht doch gefährlich? Recht lebhaft war Raoul dem Gespräche gefolgt, und als Pfarrer Buschmann antwortete, horchte er so aufmerksam zu, daß er nicht bemerkte, wie Joachim ihn beobachtete. In dem stieg die Wut heiß empor, und plötzlich sprang er auf. Seine blauen Augen waren fast schwarz vor Zorn, und den Stuhl heftig zurückschiebend, schrie er: »Wie er horcht, der Schleicher, der — der — Franzose — wie —«
»Achim!« Schwer fiel des Pfarrers Hand auf des unbändigen Schülers Arm, und die milden Augen des alten Mannes schauten mit einem so unaussprechlich leidvollen Ausdruck in das erregte Gesicht, daß Joachim sein Haupt senkte. Er fühlte, wieder hatte er sich von seinem ungerechten Zorn übermannen lassen, aber wieder hatte er nicht die Kraft, seine Schuld einzugestehen, und bissig grollte er: »Ich kann ihn nicht leiden!«
»Ich ihn auch nicht,« murmelte Arnold von Berkow leise nach, aber Raoul hatte auch das Wort gehört. Seine Brust hob und senkte sich, einen Augenblick war es, als wollte er sich auf die beiden Knaben stürzen, doch des Pfarrers Gegenwart bannte ihn. Er drehte sich um, verließ hastig das Zimmer und rannte den Flur entlang seiner Stube zu. Unten hörte er lautes Rufen, Hundegebell, — der Oheim war angekommen, Freude war im Haus.
Und über dieser Freude merkte es niemand recht, daß Joachim beim Mittagessen still war. Arnold von Berkow gab sich Mühe, laut und lustig zu antworten, wenn er gefragt wurde, er vermied es aber, Raoul anzusehen. Pfarrer Buschmann hatte von den Knaben gefordert, sie sollten dem gekränkten Kameraden Abbitte leisten. Noch nie hatte der gütige Mann so hart, so streng mit seinen Schülern gesprochen, noch nie ihnen so das Unedle, Niedrige ihrer Handlungsweise klar gemacht. Es hatte Joachim tief getroffen, und tief bohrte und nagte die Scham über sein Tun in dem Knaben. Arnold nahm es leichter; er wäre auch eher bereit gewesen, das Versprechen der Abbitte zu geben, aber Joachim hatte es nicht getan, und so hatte der Pfarrer seine Zöglinge entlassen mit den Worten, er würde ihren Eltern Mitteilung machen und eine Trennung bewirken, wenn sie seinen Willen nicht erfüllten.
Nach Tisch sprach Josua Buschmann auch mit Raoul, aber es schien, als hätte sich die Seele des Knaben, die sich dem Lehrer schon etwas geöffnet hatte, wieder geschlossen. Still, blaß, mit fest zusammengepreßten Lippen hörte er die gütigen Worte an. Er klagte nicht, er sprach den Namen seiner Gegner gar nicht aus, nur als der Pfarrer ihn entließ, drehte sich Raoul plötzlich auf der Schwelle wieder um, kehrte zurück und küßte rasch, wie bittend, die Hand des alten Mannes, und ein paar Sekunden sahen die beiden sich an. »Mein Junge, mein armer Junge!« rief der Pfarrer tief bewegt und zog Raoul an sich, denn ein so wilder Schmerz hatte ihm aus den dunklen Augen entgegengeblickt, daß er fühlte, hier war ein Leid, das über den Kummer eines Kindes hinausging. Es darf nicht so weiter gehen, dachte er, sonst geht an kindischem Trotz, an unvernünftiger Torheit eine junge Seele zugrunde. —
Gottliebe merkte nichts von der neuen Kränkung, die dem Freunde widerfahren war, sie hatte sich für den Nachmittag etwas ausgesonnen, was sie ganz allein ausführen wollte. Niemand im Hause ahnte etwas von dem Tugendbund, der allwöchentlich zweimal in einem kleinen Freundschaftstempel am Parkende tagte. Pfarrer Buschmann pflegte um die Nachmittagszeit in das Dorf zu wandern, und den andern fiel es nicht auf, daß die Kinder in den Freundschaftstempel gingen. Die beiden Berkows und Oswald Hippel, der Sohn des Marienfelder Amtmannes, der auch in den Bund eingetreten war, kamen auf heimlichen Waldwegen und fanden dies heimliche Kommen ungemein romantisch.
Seit ihrem stürmischen Austritt hatte Gottliebe kein Wort mehr über den Tugendbund von den Geschwistern gehört; sie war zu stolz und trotzig, um darnach zu fragen, aber sie war die einzige, die die heimlichen Zusammenkünfte merkte. Deshalb war sie auch brennend neugierig, einmal dabei zu sein, und so beschloß sie, es heimlich zu tun. Und dieser Nachmittag erschien ihr wundervoll geeignet, ihren Plan auszuführen.
Im Schatten hochstämmiger Ulmen lag am Ende des Gartens der Freundschaftstempel. Er war von einem Urgroßvater der Kinder erbaut, und manch heiteres Fest war einst darin gefeiert worden. Die Wände des Tempels waren mit Malereien bedeckt. Da wandelten zierliche Schäferinnen in Reifrock und hoher gepuderter Frisur einher und führten weiße Lämmchen an rosenfarbenen Bändern. Wohl waren die Malereien zum Teil zerstört, aber die Kinder betrachteten immer wieder die anmutigen Bilder mit neuem Entzücken. Über dem Eingang standen, ein wenig verwischt zwar, aber noch leserlich, die Worte:
Freundschaft hege,
Freundschaft pflege,
Freundschaft ist ein Himmelslicht,
Wehe dem, der Freundschaft bricht.