Gartengeräte und allerlei altes Gerümpel wurden in dem Tempelchen aufbewahrt, das von den Erwachsenen nur selten noch betreten wurde, denn die ernste Gegenwart hatte keine Zeit mehr für die lustigen Gartengesellschaften vergangener Tage.

In ein dickes, graues Tuch gehüllt, huschte Gottliebe an diesem Nachmittag durch den Gartenausgang des Schlosses hinaus und eilte nach dem Tempelchen. So sehr war das lebhafte Jüngferlein von ihrem Vorhaben erfüllt, daß sie nicht merkte, wie Raoul den Versuch machte, mit ihr zu sprechen. Er hatte an der Haustüre auf sie gewartet, nun sie so rasch davonlief, kehrte er still und traurig in das Haus zurück. Sie purzelte fast hin vor Eile, und im Tempelchen angekommen, versteckte sie sich eilig hinter einer im Winkel stehenden mächtigen Wassertonne und kicherte übermütig vor sich hin, als nach einer Weile die Geschwister mit den Freunden den Raum betraten. Gottliebe lauschte gespannt, aber irgend etwas Neues, etwas Besonderes hörte sie nicht. Die Berkows, besonders Fritz, hielten wilde Reden gegen den Feind, und Karoline und Gottlobe, die auf einer umgestürzten Schiebkarre saßen, quietschten manchmal laut auf, wenn einer der Knaben gar zu heftige Worte sagte. Joachim saß schweigend und finster da, er schien kaum zuzuhören. Gottliebe konnte gerade sein Gesicht sehen, und sie dachte: Ihm ist die Geschichte nicht recht. Doch sie hatte die Gedanken des Bruders nur halb erraten: der Auftritt des Morgens, des Pfarrers Worte hallten in ihm nach, und noch törichter, kindischer als sonst fand er der Freunde Reden. »Es ist langweilig, albern!« sagte er plötzlich hart.

In diesem Augenblick hörte Gottliebe neben sich ein Knistern, sie sah auf und erblickte auf dem Deckel der Wassertonne — eine Ratte, die dort vergnügt auf und ab spazierte. Vor Ratten und Mäusen aber hatte Gottliebe eine schreckliche Furcht, und voller Grauen sah sie auf das Tierchen, dem es ganz behaglich zu sein schien.

Ich darf nicht schreien, dachte sie und preßte ihr Tuch fest vor den Mund; ach, wäre ich doch nur erst draußen! Die Ratte lief hin und her, dann versuchte sie an der Außenwand der Tonne herunterzuklettern.

»Sie kommt, sie kommt!« Gottliebe kroch immer mehr auf ihrem Platz zusammen. »Der dumme Tugendbund,« schalt sie wütend, »wäre ich nur nicht hierher gekommen!« Der Angstschweiß trat ihr auf die Stirn, und sie bebte vor Furcht: das wildeste Raubtier der Wüste hätte ihr keinen größeren Schrecken einjagen können. »Wenn sie mir ins Gesicht springt, sich in meine Haare verwickelt, wenn — wenn —« Tausend Fährnisse fielen ihr ein, und ihre Augen ruhten immer starrer, immer entsetzter auf dem Tiere, das sein Dasein ganz behaglich zu finden schien. Das lief nach rechts, nach links, und auf einmal schien es sich nach Abwechslung zu sehnen. Plumps, sprang es von der Tonne herunter, und Gottlobe und Karoline kreischten. »Hier sind Mäuse!«

»Nein, Ratten!« brüllte Gottliebe, der plötzlich die Ratte auf den Schoß hopste. Mit einem gellenden Schrei sprang sie auf und stieß an die Wassertonne, die ins Wanken geriet, und es rasselte und polterte laut. An den erschrockenen Tugendbundgenossen vorbei raste Gottliebe und stürmte in den Garten hinaus. Draußen stieß sie unversehens an eine dunkle Gestalt an; ein unterdrückter Aufschrei wurde laut, und kollernd wälzte sich ein Mann auf dem Rasen.

Verdutzt blieb Gottliebe einige Sekunden stehen, der Mann richtete sich auf, und das Mädchen erkannte in ihm einen ehemaligen Gärtner, den der Hofverwalter vor einiger Zeit wegen Untreue entlassen hatte. »Ach gnädigstes Fräulein,« stammelte der Mann, »ich wollte — ich dachte —!«

Da kamen die Tugendbündler schon aus dem Tempelchen heraus. Blitzschnell entschwand der Mann in dem nahen Gebüsch, dort duckte er sich nieder, und Gottliebe raste, von den andern verfolgt, dem Hause zu. »Haltet die Spionin, haltet sie auf!« schrie Joachim dicht hinter ihr.

Doch auf einmal stutzten alle und drängten verlegen rückwärts, — Raoul stand vor ihnen. Er hielt Gottliebe fest, trotzdem sie flehte: »Laß mich los, die andern — und in der Regentonne ist — die Ratte auf mich gehopst.« Der Knabe achtete gar nicht auf die verwirrte Rede. »Bleibt,« sagte er schroff, aber leise, »ich glaube, ihr seid verraten. Der Rentamtmann, Liebe, von dem du gestern gesagt hast, er haßt deinen Vater, ist bei ihm, ich sah ihn kommen. Ein Mann ist mit ihm gewesen, der lief nach dem Park, und ich sah von meinem Fenster aus, wie er an der Türe des Tempelchens horchte!« Kurz, stoßweise hatte der Knabe die Worte hervorgebracht, sie waren ihm sichtlich schwer geworden, aber plötzlich warf er einen schnellen Blick in das Dickicht neben dem Weg, rief nur noch: »Haltet ihn!« und setzte einem davoneilenden Manne nach.

»Er ist's,« rief Liebe, und einige Sekunden später raste auch sie dem Lauscher nach.