Doch Raoul hatte ihn schon gefaßt, und blitzschnell ersah er ein kleines, grünes Buch in seiner Hand. Von dem Buche hatte doch Gottliebe gesprochen. Mit einem Ruck entriß er es dem Manne, der wollte es wieder an sich reißen und versetzte Raoul einen Faustschlag, aber schon hatten die vier andern Knaben die beiden umringt, und der Lauscher dachte nur noch daran, sich in Sicherheit zu bringen. Er war ein starker Mann und warf erst Arnold, dann Fritz von Berkow in den Schnee, und ehe noch Joachim ihn halten konnte, war er fort und über die Gartenmauer gesprungen.
Wenige Minuten nur hatte das Schreien und Toben den Garten durchgellt, dann war eine tiefe Stille eingetreten, und die Verschwörer sahen alle verlegen, beschämt und ruhig auf Raoul, dem das Blut aus der Nase rann, — der Faustschlag hatte gut getroffen.
Gottliebe fand zuerst Worte. »Er blutet,« jammerte sie und hielt dem Vetter gleich hilfbereit die Schürze hin.
»Es ist nicht schlimm,« sagte der, »hier ist das Buch!« Er warf Joachim das Buch zu, drehte sich um und eilte in das Haus zurück. Er lief dort gerade Frau Maria in die Arme, die von dem Lärm herbeigelockt worden war und sich nun erschrocken liebevoll des Neffen annahm. Als sie beide durch den Hausflur gingen, schlüpfte ihnen Gottliebe nach, und alle drei hörten aus des Hausherrn Zimmer heraus heftige Stimmen klingen. Gottliebe schaute so entsetzt zur Mutter auf, daß diese sagte: »Es ist nicht schlimm: der Rentamtmann hat allerlei Klagen, brauchst keine Sorgen zu haben!«
Gottliebe atmete auf, aber dann dachte sie wieder an den entlassenen Gärtnerburschen, der das Buch gefunden hatte, und Raoul mußte von den gleichen Gedanken bewegt werden; er beugte sich vor und flüsterte so leise, daß es die Tante nicht hören konnte: »Sie sollten es verbrennen!«
»Lauf mal in die Küche und sage Jungfer Rosalie, sie solle Leinwand und Essig bringen,« gebot Frau Maria da, und eilig lief Gottliebe, den Auftrag auszurichten. Atemlos bestellte sie der Jungfer Rosalie, was die Mutter gesagt hatte, und just war sie fertig, als Joachim mit seinen langen Beinen durch das offene Fenster in die zu ebener Erde liegende Küche einstieg und zu Jungfer Rosalies grenzenlosem Erstaunen ein grünes Etwas in das hellbrennende Feuer warf.
»Na?« rief die treue Hüterin der Küche verdutzt.
»Ja,« brummte Joachim nicht minder lakonisch und starrte in die Flammen. Das Büchlein wandte und drehte sich, es sperrte seine Deckel weit auseinander, und dann — war es zu einem Häuflein glühender Asche verwandelt.
Gottliebe hatte mit der gleichen gespannten Aufmerksamkeit zugesehen, und als nichts mehr von dem unseligen Buch zu sehen war, schaute sie zu dem Bruder auf, und sekundenlang blickten die Geschwister sich wie befreit an. »Es war dumm,« murmelte Joachim und stieg dann eilig wieder zum Fenster hinaus, um den ziemlich verwirrten und verängstigten Tugendbündlern zu melden, daß das Werk vollbracht sei.
Gottliebe kehrte zur Mutter zurück. Sie sollte Raoul pflegen helfen. Es gab aber nicht viel zu pflegen, der Knabe bat nur, man möchte ihn allein lassen, schlafen lassen, er sei so müde. Und weil er so blaß aussah und jedes Wort ihm schwer zu fallen schien, willfahrte Frau Maria gern dem Wunsch und ließ den Neffen allein. Einigemal noch sah sie an dem Nachmittag in das Stübchen, und immer fand sie Raoul anscheinend in tiefem, festem Schlafe liegen. Still, wie sie gekommen war, verließ sie wieder das Zimmer und ahnte nicht, welche schwere, unruhige Gedanken den Knaben bewegten, wie er rang, um den rechten Weg für sein Tun zu finden.