»Der Raoul ist doch ein anständiger Kerl! Brav, wie er uns geholfen hat! Aber Liebe ist eine Klatschbase und Horcherin,« hatte Arnold von Berkow im Kreise der Tugendbündler erklärt, die noch immer mitten im Schnee des Parkes standen und gar nicht wußten, was sie beginnen sollten.
»Sie war vernünftiger als wir,« grollte Joachim. »Wißt ihr,« wandte er sich an die Freunde, »ihr geht nach Hause, und ich begleite euch. Vielleicht ist es jetzt am besten, wir sind nicht zu finden.«
Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen, die Mädels meinten, sie wollten in das Dorf gehen und einen Krankenbesuch machen, und die Knaben schlugen im Geschwindschritt den Heimweg an. Joachim ging eigentlich nur mit, weil er eine Frage des Vaters fürchtete. Zu feige, eine Schuld zu leugnen, war er nicht, aber es trieb ihn hinaus, weil Raoul im Hause war, Raoul, dem er so schweres Unrecht zugefügt hatte. Er fühlte, er mußte den Vetter um Verzeihung bitten, das war seine Pflicht, aber der harte Steinbergtrotz in ihm lehnte sich noch immer gegen die Demütigung auf. »Ich hasse ihn,« dachte er, und dabei sah er immer noch das blasse, blutige Gesicht vor sich, die schönen, traurigen Augen, und er fühlte dumpf und unklar, daß auch sein Haß nur Trotz war.
Schweigsam schritt er neben den Freunden hin, die noch laut und aufgeregt den Fall besprachen, und was hätte geschehen können, wenn das Buch mit all den wilden Schmähworten wirklich in die Hände des Gärtnerburschen gefallen wäre. »Es wäre uns schlimm ergangen,« meinte Fritz von Berkow kleinlaut, und Oswald Hippel rief immer wieder in ehrlicher Selbsterkenntnis: »Eigentlich war's doch eine dämliche Kinderei!«
Als Joachim von den Freunden Abschied nahm, bat Arnold: »Grüße Raoul. Ich sag's ihm morgen, daß mir die Geschichte leid tut.«
»Morgen, morgen ist Zeit genug,« dachte Joachim, »ja, morgen, da will ich's ihm auch sagen.« Und als er heimkam, atmete er erleichtert auf, als er hörte, daß Raoul schlief, da rückte doch auch die bittere Stunde für ihn in die Ferne.
Gottliebe hatte den Geschwistern gleich mitgeteilt, was die Mutter von dem Besuch des Rentamtmannes gesagt hatte, also wußte der Vater nichts davon, und der Sturm war an ihnen vorübergebraust. Sie hatten aber doch sein Sausen gehört, und sie saßen alle wie Vögel nach einem Gewittersturm am Abend am Familientisch. Auch Liebe war niedergeschlagen, obgleich weder Bruder noch Schwester und Base sie um des Horchens willen geneckt hatten. Zwischen ihnen waren auf einmal alle bitteren Worte vergessen, die gemeinsame Angst hatte sie wieder vereinigt.
Der Eltern Augen aber ruhten forschend auf den Kindern, und der Großmutter Blick haftete immer an Raouls leerem Platz. Nach dem Abendessen, als Jungfer Rosalie und der Vogt, die nach altem Brauch am Herrentisch aßen, gegangen waren, rief Herr von Steinberg: »Kinder bleibt! Joachim, erzähl' mal, wer hat Raoul geschlagen?«
»Der Jakeit,« gab Joachim zur Antwort, während eine heiße Röte über sein Gesicht lief, lügen konnte er nicht.
»Der Jakeit?« fragte der Vater erstaunt, »wie kam er dazu? wo war er?«