»Er trieb sich — im Park herum. Wir wollten ihn halten, da schlug er Raoul, warf Arnold und Fritz hin und riß aus!«

»Wie ist der Jakeit wieder in den Park gekommen?«

»Jungfer Rosalie sagt, er wäre als Begleiter des Rentamtmannes gekommen,« mischte sich Frau Maria ein.

»Was steckt aber dahinter? Ihr seid so verstört!« fragte die Großmutter scharf, und ihre Augen suchten prüfend die Gesichter der Enkelkinder. Die schwiegen, eins sah das andere an, sie wurden alle rot und wagten doch nichts zu sagen.

»Wieder ein Streit mit Raoul!« rief Pfarrer Buschmann traurig. »Wie junge Raben hacken sie auf den armen Burschen ein, es ist kein Vertragen, keine Liebe zwischen ihnen.«

»Die andere Art!« Die Kammerherrin murmelte es nur leise, aber Frau Maria hatte das Wort vernommen, und sie sagte sanft: »Und Raoul ist doch ein Steinberg, ist manchmal ganz sein Vater, so wie mir Georg-Wilhelm in der Erinnerung lebt, nur weicher, ernster, verschlossener ist er. Ich denke immer, wir tun allesamt dem armen Jungen unrecht und bringen ihm nicht genug Liebe entgegen!«

»Bei Gott, Maria,« rief der Freiherr, »du hast recht. Ein echter Steinberg ist der Raoul, und wir haben ihn alle verkannt. Hört, was ich heute erfahren habe.« Und bewegt erzählte er, daß Graf Turaillon an ihn geschrieben und ihm mitgeteilt habe, daß Raoul damals in Leipzig unauffindbar gewesen wäre. Bäckermeister Käsmodel hätte erklärt, auf Wunsch seiner Mutter hätte der Knabe sich zu den Verwandten seines Vaters begeben. Noch einmal bot der Graf dem Neffen an, er wolle ihn zum einzigen Erben seiner Reichtümer einsetzen, und bat den Freiherrn, der doch Kinder hatte, ihm den Knaben auszuliefern. »Darum ist der Junge damals so eilig gekommen! Er hat uns gewählt, hat sich zu uns Steinbergs gehalten,« rief der Vater, »aber er mag wohl nicht das rechte Zutrauen haben fassen können, sonst hätte er uns alles erzählt.«

»Jetzt versteh' ich's,« rief Liebe plötzlich und wurde dann namenlos verlegen, weil es nicht Sitte war, daß eins der Kinder ungefragt sich in das Gespräch der Erwachsenen einmischte.

Doch diesmal blieb ihre Vorwitzigkeit ungerügt, und der Vater fragte: »Was verstehst du jetzt?«

»Karl Wagners Brief,« stammelte Liebe, und dann erzählte sie sehr geschwinde, sehr kraus mit allerlei Abschweifungen, wer Karl Wagner sei, was er geschrieben habe, und daß Raoul nichts mehr von seinen Freunden sagen wollte, weil — weil — hier stockte sie und fuhr dann fort, tapfer die Schuld der Geschwister mit auf ihre Schultern nehmend, »wir so über den komischen Namen und die Bäckersleute gelacht haben. Aber sie sind gewiß alle gut, und sie können alle Napoleon nicht leiden, und Gottlieb singt immer: Warte, warte, Bonaparte, und —« Gottliebe mußte einmal nach Luft schnappen, die Rede war zu lang und eilig gewesen, und sanft strich die Mutter, neben der sie saß, über das heiße Gesicht des Kindes. »Wir haben Raoul wohl alle nicht verstanden, haben uns beeinflussen lassen, weil — seine Mutter eine Französin gewesen ist!«