»Ach, und sie muß himmlisch gut gewesen sein, und Hauben hat sie genäht, und Raoul hat sie so viel von der Großmutter und unserem Vater erzählt.« Wieder rügte an diesem Abend niemand Gottliebes lebhaften Zwischenruf, und wieder strich die Mutter liebkosend die blühende Wange ihres Kindes und dachte still: Du gutes Herzlein, du!
»Wer gefehlt hat, soll trachten, es gut zu machen, damit Raoul in diesem Hause auch die Heimat findet, die er gesucht hat,« sagte der Freiherr ernst, tauschte einen Blick mit seiner Mutter und sah dann auf Joachim. Der senkte den Kopf. Morgen, morgen, klang's in ihm.
Nachher ging Frau Maria noch einmal in des Neffen Zimmer, und da lag der still und gab keine Antwort auf den leisen Ruf. Morgen, morgen, dachte auch die Frau und klinkte die Türe ein und ermahnte dann ihre Kinder: »Geht leise, stört Raoul nicht, er schläft.«
»Wie dumm,« seufzte Gottliebe, »nun muß ich bis morgen warten, um ihm alles zu erzählen. Warum muß er auch heute so müde sein!«
[Achtes Kapitel.]
Einem traurigen Morgen folgen schwere Tage.
Im Hause verloschen allgemach die Lichter, und ganz Hohensteinberg versank in tiefe, nächtliche Stille, nur aus dem Fenster der Kammerherrin fiel noch lange ein heller Schein in die Nacht hinaus. Zum zweitenmal in ihrem Leben beklagte die alte Frau, daß sie zu hart, zu streng gewesen war, aber diesmal konnte sie noch sühnen, konnte gutmachen, was sie einst nicht mehr gekonnt hatte. Damals, als sie die Nachricht von dem Tode ihres Sohnes erhalten hatte und die Witwe und sein Kind unauffindbar gewesen waren, hatte sie es nicht mehr können. Nun lebte des Sohnes Sohn in ihrem Hause, und wie hatte sie bisher die seinem Vater erwiesene Härte gesühnt? Die stolze Frau litt namenlos in dieser Stunde, als sie sich wieder einmal sagen mußte: Du tatest unrecht! Aber doch klang es auch in ihrem Herzen hoffnungsvoll: »Morgen, morgen.«
»Morgen soll ein neues Leben für den armen Jungen beginnen,« hatte auch der Freiherr zu seiner Frau gesagt. »Wie konnte ich nur bisher so wenig erkennen, daß das Fremde in seiner Art gut ist! Eine Prachtfrau muß die Mutter gewesen sein.«