Morgen, morgen, dachte auch Joachim unablässig; er, der sonst einen Bärenschlaf hatte, warf sich in dieser Nacht unruhig auf seinem Lager hin und her. Er rang immer noch mit seinem Trotz, und dazu hatte sich die Eifersucht gesellt: nun würden auf einmal alle Raoul lieben, er würde beiseite geschoben werden von den andern, wie es schon Gottliebe mit ihm getan hatte.
Draußen hatte sich der Wind erhoben; er sauste und brauste um das Haus herum, es knisterte und raschelte in dem alten Gebälk, ganz unheimlich klang es. Einmal fuhr Joachim empor, es war ihm, als hätte er tastende Schritte gehört. Aber nein, es war doch wohl nur der Sturm gewesen. Die Wetterfahne auf dem Dache drehte sich gerade knarrend, und irgendwo klappte ein Fenster — oder war es eine Tür?
»Unsinn!« murmelte Joachim und grub den Kopf tief in die Kissen hinein. Da schlug draußen ein Hund an, kurz, und er verstummte gleich wieder, und wieder war allein das Brausen des Windes hörbar. Noch eine Weile lauschte der Knabe, aber nichts, gar nichts war zu hören, und doch preßte eine seltsame, beklemmende Angst ihm das Herz zusammen. Und wieder sagte er »Unsinn!« zu sich und versuchte zu schlafen, aber es dauerte noch lange, ehe ihn der Schlaf übermannte. Er schlief so fest, daß er das laute Klopfen, mit dem Jungfer Rosalie morgens die Kinder zu wecken pflegte, überhörte und weiter schlief. Erst der Jammerruf: »Joachim, Joachim!« den Gottliebe ausstieß, ermunterte ihn völlig. Die Schwester stand in der offenen Türe, ihr liebes Gesichtchen war ganz von Tränen überflutet. »Raoul ist fort,« schluchzte sie, »Raoul ist fort!«
»Raoul — fort?« stammelte Joachim, »wie denn fort?«
»Fort ist er, seine Sachen hat er mitgenommen, er — ach Raoul, Raoul!« jammerte das Mädel.
Hinter Gottliebe trat rasch Pfarrer Buschmann in das Zimmer. Er schob das Mädel sanft hinaus, ihr über die verwirrten Locken streichend. »Geh zu deiner Mutter, Kind, sie verlangt nach dir,« sagte er milde, und dann wandte er sich an Joachim: »Steh auf, eile dich und hilf deinem Vater suchen; oder — weißt du etwa um seine Flucht?«
Joachim schüttelte verstört den Kopf. »Warum — warum nur?« stammelte er.
»Das fragst du noch?«
»Ich — ich wollte ihm abbitten — heute!«