»Warum tatest du es nicht gestern, warum verschobst du es?« fragte der alte Mann und sah traurig seinen trotzigen Schüler an. »Es kommt oft ein Morgen, an dem ein gutes Wort zu spät kommt. Raoul muß in der Nacht geflohen sein, er hat nur ein kleines Bündel Sachen mitgenommen, nur — was er hergebracht hat. Dein Vater ist schon unterwegs. Nach Langenstein ist geschickt worden, wir hoffen alle, den armen, lieben Jungen zu finden.«

»Ich finde ihn, ich muß ihn finden,« rief Joachim heftig. Er zog sich in zitternder Eile an und wollte hinaus.

»Halt, sachte, nicht so stürmisch!« Pfarrer Buschmann hielt ihn fest. »Willst du ohne Sinn und Verstand drauf los rennen, Wege, die schon andere abgesucht haben? Das nützt wenig. Du sollst zu Berkows reiten und von dort aus nachforschen. Es ist nicht unmöglich, daß Raoul den Waldweg eingeschlagen hat und dann —« Der alte Mann vollendete nicht, aber Joachim wußte genau, was er meinte. Den Waldweg, der ein großes Stück nach der nächsten Poststation hinter Langenstein abkürzte, konnten nur Kundige gehen, namentlich im Schnee konnte man sich leicht verirren. War Raoul ihn gegangen in der Sturmnacht? Wer weiß, in welcher weglosen Einsamkeit er sich schon verirrt hatte.

Raoul mußte sich von seinem Fenster aus an der Kastanie herabgelassen haben, abgebrochene Zweige deuteten darauf hin. Sonst hatte der Schneesturm in dieser Nacht jede Fußspur verweht. Jungfer Rosalie klagte mit einem ihr sonst fremden Wortreichtum: »Daß ich's nicht gehört habe, immer nur gemeint, der Sturm sei's, und das Fenster hat doch geklappt!«

An die Knie der Großmutter geschmiegt, weinte Gottliebe in fassungslosem Schmerz, und jedes Aufschluchzen fand in der Ecke des Zimmers ein leises Echo. Dort saßen Gottlobe und Karoline, und beide zuckten immer wieder zusammen und fühlten jedes ihr Teilchen Schuld, wenn die Schwester klagte: »Wir waren nicht gut genug zu ihm.« Ihr, die dem Entflohenen am meisten Liebe von den Kindern erwiesen hatte, fiel immer wieder etwas ein, was sie hätte tun können, und alles sagte sie und ahnte nicht, daß jeder Vorwurf, den sie gegen sich selbst erhob, die Großmutter bitter traf. Die sagte mit einer seltsam schweren, weichen Stimme: »Sei ruhig, mein Kind, Raoul kommt schon wieder, heute abend ist er wieder da. Sicher, er kommt wieder.« Und mit diesem Trost versuchte die Kammerherrin sich selbst zu trösten, versuchte sie ihre schwere Sorge zu bannen.

»Wir werden ihn schon finden,« hatte der Freiherr, der über des Neffen Flucht tief betroffen war, die Seinen getröstet, »er ist doch nur zu Fuß gegangen, unsere Pferde holen ihn schon ein!« Aber als der Abend kam, war noch keine Spur von dem Vermißten gefunden. Niemand hatte ihn gesehen, durch kein Dorf schien er gekommen zu sein! Auf allen Wegen, die süd- und westwärts führten, waren die Boten weit ins Land hinein gefahren und geritten, denn alle nahmen an, der Knabe habe nach Leipzig zurückkehren wollen, um vielleicht von dort aus zu seinem Onkel nach Paris zu wandern.

»Ich muß ihn finden, ich muß ihn finden,« dachte Joachim verzweifelt, und nur die ernsten Ermahnungen seiner Eltern und des Pfarrers konnten ihn nach dem Tage vergeblichen Suchens abhalten, ins Blaue hinein dem Vetter nachzuziehen. Wie eine schwere Last lag die Schuld gegen den Vetter auf seiner Seele, und als der Vater näher forschte und fragte, um den wahren Grund zur Flucht zu erkennen, da erzählte Joachim selbst die Geschichte des Tugendbundes, und wie sie Raoul von allem ausgeschlossen hätten. Er verschwieg nicht dessen tapferes Eintreten für die Tugendbündler, und während der Knabe dies alles bekannte, wurde ihm sein Unrecht immer klarer. »Ich bin schuld,« murmelte er, »ich allein!«

Die Kammerherrin sah von ihrem Enkelsohn zu ihrem Sohn, und der Freiherr nickte ihr trübe zu. »Wir wollen nicht untersuchen und fragen, wo die meiste Schuld liegt,« sagte er mit schwerem Ernst. »Euer Tugendbund war freilich eine Torheit, eine Kinderei: ihr paar Jungen und Mädels werdet das Vaterland nicht aus seiner tiefen Not befreien. Kindereien sind nicht am Platz in einer so schweren Zeit, das merkt euch alle, wir brauchen den Ernst und die Tat. Aber euch allen sei diese Torheit nicht angerechnet, weil diese Torheit aus Liebe zum Vaterland erwachsen ist. Diese Liebe haltet fest und erstarket in ihr, damit ihr dereinst fähig seid, wenn die Stunde kommt, in der das Vaterland euch braucht, Opfer zu bringen. Einen Tugendbund dürft ihr untereinander schließen, aber dazu braucht es keiner geheimen Versammlungen und törichter Bücher, euer Tun soll Zeuge sein von eurer Liebe zum Vaterland und eurer Liebe untereinander.«

Bei dem letzten Wort des Vaters sahen sich Joachim und Gottliebe unwillkürlich an, und mit einem Schrei flog das lebhafte Mädel auf den Bruder zu, hing an seinem Hals und rief schluchzend: »Wir wollen uns wieder lieb haben, und wenn Raoul — wiederkommt, dann haben wir ihn alle, alle lieb!«

»Ich will ihn suchen,« murmelte Joachim, und nicht mehr, wie so manchmal in der letzten Zeit, stieß er die Schwester unwirsch fort. Er hielt ihre Hand fest, fest in der seinen, und Liebe verstand den Bruder auch ohne Worte.