Joachim hielt Wort. Er suchte fieberhaft nach einer Spur des Verlorenen, er fragte da und dort, aber keine Spur fand sich, auch die Nachforschungen des Freiherrn blieben erfolglos. Der schrieb an den Grafen Turaillon, schrieb, daß der Neffe entflohen sei; wie er vermute, habe er sich nach Paris gewandt. Auch an den Bäckermeister Käsmodel schrieb er, und dieser Brief wurde ihm herzlich schwer; aus Leipzig kam rasch Antwort, Raoul sei nicht dort eingetroffen, und nach Wochen kam die gleiche, in einem scharfen, beleidigenden Tone abgefaßte Antwort aus Paris. Der Graf nahm an, man hätte den Neffen absichtlich entfernt, um ihn vor seinen Nachforschungen zu verbergen.
»Das wußte ich,« frohlockte Gottliebe, »nach Paris ist Raoul nicht gegangen, er haßt den Bonaparte.« Sie wurde aber gleich wieder traurig. »Aber wo mag er sein?«
Ja, wo war der Knabe? War er gestorben und verdorben in dem großen Wirrsal, in der tiefen Not, die von neuem über das deutsche Vaterland hereinbrach?
Mit dem Frühling kam von Westen her das Unheil. Napoleon zog wirklich nach Rußland, des Zaren Macht wollte er brechen. Wie ein Märchenland lockte und lockte den Eroberer das unermeßliche Reich des Ostens mit seinen endlosen Steppen und weiten Wäldern. Aber Deutschland, Preußen, lag zwischen ihm und seinem Ziel, und so zwang er dem Könige von Preußen ein Bündnis auf, das das arme Land förmlich der Plünderung der großen Armee preisgab. Und manche deutsche Mutter sah weinend den Sohn in die Ferne ziehen, denn zu Tausenden mußten deutsche Söhne den französischen Fahnen folgen, und zu denen gesellten sich noch manche, die freiwillig mitzogen, weil sie den Glauben an des eigenen Vaterlandes Kraft verloren hatten.
Als von eines solchen freiwilligen Kämpfers Mitzug, der ein Sohn alter Freunde war, die Kunde nach Hohensteinberg kam, schrie Joachim aus vor Empörung: »Ein Vaterlandsverräter!«
»Ein Armer, ein Unseliger,« sagte die Kammerherrin; die alte Frau war sehr milde geworden in dem Leid der letzten Wochen. »Wehe ihm, wehe uns! Wehe dem, der den Glauben an sein Vaterland verliert, und wehe uns, daß wir nicht mehr stolz auf unseres Vaterlandes Stärke sein können!«
Da schwieg Joachim, er schwieg jetzt oft und sann stille den Worten der Erwachsenen nach. Er, der Trotzige, Ungebärdige war in der Zeit des werdenden Frühlings zu einem ernsten Jüngling herangereift. Die Schuld, die ihn quälte, des Vaterlandes Not wandelte sein Wesen und machte ihn über seine Jahre hinaus ernst.
Es war überhaupt keine rechte Zeit für Jugendlust und Jugendübermut, und wenn die Steinbergschen Kinder mit ihren Freunden und Freundinnen zusammenkamen, dann gab es oft gar ernste, nachdenkliche Gespräche. Sie nannten sich untereinander Tugendbündler, die Eltern wußten es und widerstrebten nicht, nur mußte der Name verschwiegen bleiben, auch durfte kein Wort niedergeschrieben werden. Wohl war ringsum alles gut preußisch gesinnt, aber es gab doch etliche solcher Kreaturen im Land, wie der Rentamtmann Meldeling, und in Pillau saß eine französische Besatzung wie in manchen andern Festungen des Landes. Napoleon bewachte auch seine Bundesgenossen gut, er ahnte, daß niedergehalten in der Tiefe der Haß schlummerte.
Nur Gottliebes unverwüstliche Fröhlichkeit brach immer wieder durch, und so sehr sie sich um Raoul grämte, es kamen doch immer wieder Stunden, in denen ihr Lachen das Haus durchschallte, und einen Widerschein auf allen Gesichtern fand. Selbst Jungfer Rosalies mürrische Miene hellte sich dann ein wenig auf. Gottlobe hatte sich auch verändert. Sie schwärmte nicht mehr so überschwenglich mit ihren Freundinnen, sie hielt sich jetzt mehr zu Bruder und Schwester, und als eines Tages Karoline heimgeholt wurde, denn die Eltern wollten ihr Kind lieber bei sich in der Stadt haben in dieser Zeit, da weinte sich Lobe nicht, wie Liebe prophezeit hatte, die Augen aus dem Kopf. Ja sie lehnte sogar das Anerbieten, mit nach Königsberg zu kommen, ab; die Eltern hatten es ihr freigestellt, weil es Lobe sich immer so sehnlichst gewünscht hatte, in Königsberg sein zu dürfen.