»Sie bleibt bei uns,« schrie Gottliebe begeistert, als die Schwester ihr »Nein« sagte, »Achim, hörst du?«
In Joachims Augen leuchtete es auch freudig auf, er rief halb zweifelnd: »Bleibst du wirklich?«
»Ich bin doch eine Steinberg und gehöre hierher,« sagte Gottlobe ein wenig gekränkt, daß die Geschwister ihren Entschluß gar so verwunderlich fanden. Die sichtbare Freude stimmte sie aber froh, und von dieser Stunde an gab es eine schöne Dreisamkeit unter den Geschwistern, und in allen Sorgen erstarkte die Geschwisterliebe mehr und mehr.
»Die Franzosen kommen!« Unzähligemal ertönte in dem Frühling und Sommer des Jahres 1812 dies Wort im preußischen Land. Erst war es nur ein Ruf der Angst, der bangen Ahnung, bis dann eines Tages von Ort zu Ort die unheilschwere Kunde flog: »Sie kommen wirklich.«
Sie kamen als Freunde, Bundesgenossen und hausten wie Feinde, sie leerten die Kornkammern, trieben das Vieh aus den Ställen und zerstampften die blühenden Saaten.
Eines Tages hieß es auch in Hohensteinberg: »Sie kommen!« Und wie überall mußten es die Bewohner vom Schloß und Dorf mit ansehen, wie die Abteilung, die hier durchkam, »ihre Vorräte ergänzte«, so nannte es der führende Offizier, ein sehr höflicher Italiener. Er nahm, was er nur irgend an Lebensmitteln erhalten konnte, aber er war doch so menschlich, nicht den ärmsten Dorfleuten das letzte Stück Vieh aus den Ställen zu treiben. »Glauben Sie mir, mein Err,« versicherte er dem Freiherrn, »mir mackt dies Krieg kein Spaß, und es mackt viele keine Spaß. Dies Land da,« und er deutete mit der Hand finster in die Ferne, »ist wie der Maul von eine große Tier, er verschlingt uns! Sicker — er verschlingt uns!«
Nach diesen kamen noch andere, und Jungfer Rosalie schloß diesen bereitwillig die Speisekammer auf, stemmte die Hände in die Seiten und sagte kaltblütig. »Da!« Eine einzige Wurst bammelte an einem Faden, und ein paar Brocken lagen auf dem Brotschrank, sonst war die Kammer leer.
Die Soldaten schimpften und drohten, aber Jungfer Rosalie wischte sich mit der Hand über den Mund und zeigte kläglich auf den Magen, als wollte sie den eigenen Hunger andeuten. Dabei hatte sie selbst alle Vorräte in einen gut verborgenen Keller geschafft, den nicht einmal alle Bewohner des Hauses kannten. In dem dunklen Keller lagerte auch mancher Notgroschen, manche Wurst und manches Mehlsäcklein, das die Dorfbewohner vertrauensvoll ihrem Gutsherrn gebracht hatten.
Und als zum drittenmal Soldaten kamen, bammelte wieder nur eine Wurst in der Speisekammer, und wieder gab es nur dürftige Reste, und wieder schalten und drohten die Soldaten, und wieder blieb Jungfer Rosalie ungerührt mit in die Seite gestemmten Armen stehen. Als es aber einer der Leute gar zu schlimm machte und ihr mit dem Gewehr vor der Nase herumfuchtelte, da ergriff sie kurz entschlossen den Mann und stülpte ihn kopfüber in das leere Mehlfaß. »Sucht selbst!« sagte sie mürrisch.