Die Sache hätte freilich für die tapfere Jungfer recht übel ablaufen können, wenn sich nicht ein Offizier ihrer angenommen hätte. Er beruhigte den Soldaten, der in einem fürchterlichen Kauderwälsch Bestrafung der Untäterin verlangte, als er endlich wieder Augen und Mund von dem Mehlstaub frei hatte. Dem Offizier, einem Rheinländer von Geburt, schien der Zug nach dem weiten Rußland auch wenig Spaß zu machen, desto besser gefiel ihm die tapfere Jungfer. Er sagte beim Abschied lachend zu ihr: »Schade, daß sie kein Mann ist, sie hätte einen guten Gardisten abgegeben und gewiß tapfer gefochten!«
»Ja, wenn's gegen die Franzosen ginge,« sagte Jungfer Rosalie gelassen. Da schwieg der Offizier und nickte nur noch einmal grüßend zurück, — vielleicht hätte er auch lieber sein Leben für des Vaterlandes Freiheit eingesetzt!
Und als die Durchzüge beendet waren, die letzten Nachzügler der großen Armee den Niemen überschritten hatten, da war es, als wäre ein verheerendes Unwetter mit Hagel und Sturmflut über die Gegenden dahingebraust, die an der großen Landstraße lagen, und dem Heere folgten die Flüche, folgte das Jammern des gequälten Volkes nach.
[Neuntes Kapitel.]
Auf weiten Wegen ins alte Nest zurück.
In dieser Zeit, da die Frühlingsstürme den Winter vertrieben, und da über die deutschen Lande eine neue Not kam, wanderte Raoul von Steinberg durch viele Wirrsale in der Fremde herum. Er hatte gemeint, es sei am besten, das Haus zu verlassen, in dem ihm so wenig Liebe geworden war, und als er an jenem verhängnisvollen Tage stumm auf seinem Lager lag, so still, daß Frau Maria ihn schlafend wähnte, da hatte er nichts mehr von all den guten Vorsätzen vernommen, die im Familienzimmer laut wurden. Um Mitternacht war er aufgestanden, hatte sein Bündel gepackt und war durch das Fenster entflohen. Unten hatte er ein paar Minuten gezögert. Tat er recht? Da oben schliefen Frau Maria, Pfarrer Buschmann und Gottliebe, die hatten ihn doch lieb, waren gut zu ihm, ihnen würde seine Flucht vielleicht wehe tun. Er hätte ihnen schreiben mögen, sagen, daß er sie nie vergessen würde, aber dazu war es zu spät. Kehrte er in das Haus zurück, dann hörte ihn wohl jemand, man würde seine Absicht erraten, und Joachim würde lachen, spöttisch, verächtlich, wie er es so oft getan hatte. Nein, nur das nicht. Die Verachtung, mit der man auf ihn um der Mutter willen, der guten, geliebten Mutter willen herabsah, die konnte er nicht ertragen, lieber wollte er wieder Schreiber werden oder sonst eine Arbeit tun. Und ohne rechtes Ziel war er in das Schneewehen hinausgetrabt, nur die Straße mied er, die er gekommen war. Auf einem ihm unbekannten Pfade war er weiter und weiter geschritten, und der Wille, fortzukommen, hatte seine Kraft gestärkt.
Im Morgengrauen traf er einen Wagen, einen, der mit grauer Leinwand rund überdacht war, und den ein mageres Pferd nur mühsam durch den Schnee zog. Jahrmarktsleute waren es, die, von der russischen Grenze kommend, durch die winterliche Einsamkeit zogen. Hoch oben im Thüringerwalde war ihre Heimat, von da aus zogen sie mit Holzgeräten, Spielsachen und Topfwaren, mit Quirlen, Löffeln, Brettern, Butterformen und allerlei solchen Dingen in der Welt herum, von Markt zu Markt. Raoul stand erschöpft an einen Baum gelehnt, als die Leute an ihm vorbeikamen, und der Knabe, der so allein in dieser grauen Morgenstille war, fiel ihnen auf. Der Mann hielt an und forschte nach dem Weg. »Ich habe keine Heimat,« sagte Raoul traurig, »meine Eltern sind tot, in Leipzig leben gute Freunde, zu ihnen will ich.«