»Nach Leipzig kommen wir auch, aber erst im Frühling,« sagte die Frau, und über ihr blasses Gesicht ging ein Freudenschein. Von Leipzig aus nach dem Thüringerwald war es schon näher, und sie sehnte sich nach der Heimat.

»Willst en Linschen mitfohre jo—e? Dann kumm ruff,« sagte der Mann gutmütig in seinem Thüringerdialekt. »Es gäht uff Marienburg, jo—e, 's ist noch sähre weit!«

Raoul überlegte nicht lange. Konnte er ein Stück mit den Leuten fahren, dann verwischte sich am besten seine Spur, der Oheim fand ihn, wenn er wirklich nach ihm suchen ließ, nicht so leicht, und er kam wohl auch nach Leipzig.

So zog er mit den Händlersleuten. Als die sahen, daß der fremde Knabe etwas Geld besaß, — es war wenig genug, — willigten sie gern ein, ihn in ihrem Wagen mitzunehmen. »Dos Foahre hoaste for nischt,« sagte der Mann, »abersch 's Ässen mußte alleene kofen.«

Brot und Wasser reichen aus, dachte Raoul, und dafür langte seine Barschaft schon ein Weilchen, und seine Hoffnung wuchs, das ersehnte Ziel zu erreichen. In den ersten Tagen der gemeinsamen Wanderschaft hielt sich der Knabe immer fern, wenn man in ein Dorf, an ein Gutshaus kam und die Händlersleute versuchten, ihren Kram loszuwerden. Als aber nach einigen Tagen eine kleine Stadt erreicht wurde, bot Raoul der Frau an, er wolle ihr verkaufen helfen. Es wurde ihm nicht leicht, aber er mochte auch nicht gern ganz umsonst seine Mitfahrt genießen. Mit einem Bündel Holzlöffeln und Quirlen, ein paar Brettern und Töpfen trat er seinen Weg an, und er hatte Glück: sein sanftes, feines Wesen, der traurige Blick seiner schönen Augen bestimmten die Hausfrauen, dem kleinen Händler doch etwas abzukaufen, und als Raoul zum Wagen zurückkehrte, hatte er ein besseres Geschäft als die Frau gemacht. »Dich hat der Himmel geschickt!« rief sie. »So—e Glicke! Du mußt bei uns bleiben, gelle Mann?«

Auch der Mann freute sich über den jungen Gehilfen und teilte an diesem Tage seine Mahlzeit mit ihm: »Das haste verdient, und wenn de bleiben willst, mir is 's racht!«

Und wieder überlegte Raoul nicht lange, sondern sagte zu, bis Leipzig die Händlersleute zu begleiten. Die erzählten ihm viel von ihrem Leben. Im Winter lebten sie meist eine Zeitlang in ihrem Dörfchen im Thüringerwald, und sonst war nur immer der Mann mit dem Beginn des Frühlings ausgezogen, die im Winter geschnitzte Ware zu verkaufen. Doch der älteste Bube, der den Vater zu begleiten pflegte, war krank geworden im letzten Frühling, und da hatte die Frau ihre vier Kinder der Sorge der Großmutter anvertraut und hatte selbst den Mann begleitet. Weil die Geschäfte gar so schlecht gegangen waren, — in diesen Zeiten bedeutete in gar manchem Haushalt schon ein neuer Quirl eine Ausgabe, die man sich zehnmal überlegte, — waren die Leute weiter ostwärts gezogen. Im Herbst war der Mann erkrankt, er hatte sich einen Fuß gebrochen, und das Ehepaar hatte eine Zeitlang in Königsberg bleiben müssen. Dort hatten beide die Zeit benutzt und neue Geräte geschnitzt, und nun zogen sie mit vollem Wagen wieder von Stadt zu Stadt, hoffend, endlich im Frühling heimzukommen.

Die Frau sorgte sich um die Kinder, von denen sie nun fast das ganze Jahr getrennt gewesen war, und sie war froh, daß sie ihrem jungen Begleiter von ihrem Konrad, ihrer Rose, Liese und dem kleinen Peter erzählen konnte. Sie fragte gutmütig auch nach Raouls Leben, und der erzählte von der Mutter, von den Bäckersleuten, aber von Hohensteinberg nichts. Dahin kehrten aber seine Gedanken desto öfter zurück, und manchmal war's ihm, als flüstere leise, leise eine Stimme in seinem Herzen: Du hättest bleiben sollen.

Ein langes Wandern durch deutsche Gaue, deutsche Dörfer und Städte war es. Die alte Stadt Marienburg war der erste Ort, wo sie länger rasteten. Es war gerade Markt, und Raoul suchte eifrig zu verkaufen. Hier hörten die Händlersleute aber auch, daß die Franzosen wirklich bald kommen sollten, und sie beschlossen, auf den nächsten Wegen, jedoch abseits von der großen Heerstraße, heimzukehren. Um Berlin herum wollten sie einen großen Bogen machen, sie waren von namenloser Furcht vor den Franzosen erfüllt. 1806 hatte der Kriegslärm bis in ihr einsames Walddorf hinauf geschallt, und sie erzählten Raoul beide allerlei aus jener Zeit, erzählten, was Verwandte unten im Saaletal erlebt hatten.

Da sprach auch Raoul von seinem Vater, der bei Saalfeld gefallen war. Die Leute wunderten sich nicht, daß er ein Offizier gewesen war; sie hatten es bald gemerkt, daß ihr kleiner Begleiter aus gutem Hause war, aber sie forschten nicht weiter, sie hatten am eigenen Sorgenbündel genug zu tragen.