Und wohin auch die Wanderer kamen, überall sprachen die Leute von der neuen Not, dem neuen Krieg. Denn wie die Schrecken des Krieges selbst sahen alle den drohenden Durchzug der Franzosen an. Das Bündnis mit Frankreich, das nun wirklich der König von Preußen abgeschlossen hatte, gab ja das arme Land dem Eroberer förmlich preis. Jammer, Angst und glimmenden Haß sahen die drei, wohin sie kamen, und dabei hub sachte ein erstes, zartes Frühlingsgrünen an, und hier und da standen schon Büsche mit feinen, grünen Schleiern überhangen, und manchmal pflückte Raoul blaue Osterblumen und Himmelsschlüssel, steckte sie an seine vertragene Kappe und rief wohl froh: »Hier ist es schön!«
»Bei uns ist's scheener,« erwiderte immer die Frau, und der Mann nickte jedesmal zustimmend: »Da haste was Richtiges gesagt.«
Die Leute sehnten sich immer stärker danach, heimzukommen, es wurde ihnen zu unsicher auf den Straßen, und der Handel wurde auch immer kärglicher. Die Frau steckte jedesmal ein Sträußchen vertrockneten Quendel zu sich, wenn sie ging, nach dem alten Spruch: »Quendel, Quandel, mach mir Handel,« aber es nutzte nicht viel. Raoul lachte zwar über den Aberglauben, aber er nahm gutwillig doch auch immer das Quendelsträußchen mit. Einmal verlor er es, und um die Frau nicht zu kränken, steckte er rasch ein paar trockene, vorjährige Grashalme vom Wege in das Papiertütchen. Sie rasteten gerade in einem Dorf, und Raoul kam zu einer Bauersfrau, der war in diesen Tagen ihre Küche ausgebrannt, und die Handelsleute kamen zu guter Stunde. Raoul mußte noch mehr Ware bringen, und als am Abend der Verdienst überzählt wurde und das erlöste Sümmchen ihnen allen dreien fast märchenhaft erschien, rief die Frau froh: »Sihst de nu — e, Quendel, Quandel, mach mir Handel, jetzund hast de's erfoahren.«
Über Raoul kam ein fröhlicher Übermut wie seit langem nicht, er lachte aus vollem Halse, und lachend gestand er der Frau, daß er den Quendel verloren und dürres Gras genommen habe.
Aber so ein echtes Thüringer Waldfrauchen ließ nicht so rasch vom gewohnten Aberglauben, sie meinte nachdenklich: »Dann mag do — e was Gutes drunter gewesen sein. Gib mir 's Kraut.«
»Sin Faxen,« brummelte der Mann lachend, aber die Frau nahm doch das Grasbüschlein und verwahrte es sorgsam an ihrer Brust, man konnte doch nicht wissen! Am nächsten Tag ging sie dann mit sehr viel Mut aus den Handel und kehrte mit aller Ware heim, nur einen einzigen kleinen Quirl war sie los geworden. Gutmütig lachte sie dann sich selbst aus, und der Quendel verlor etwas sein Ansehen bei ihr.
Endlich langten die drei an einem Tage, früh im April, der sich aber ganz wie ein schöner, sonnenheller Maitag aufspielte, in Halle an. Hier wollte Raoul von seinen Gefährten Abschied nehmen, die nicht erst den kleinen Umweg über Leipzig machen wollten. »Sie kommen, sie kommen!« klang überall der Angstruf, und alles zitterte und zagte vor dem gewaltigen Heere, das seinen Marsch durch Deutschland schon angetreten hatte.
In einer Ausspannung am Roßmarkt, der außerhalb der Stadt lag, rasteten die Handelsleute. Sie wären am liebsten gleich weiter gezogen, doch das Pferdchen brauchte Ruhe. Raoul wollte bis zum nächsten Morgen warten und dann in aller Frühe seine Wanderung nach Leipzig antreten. Er lief rasch einmal durch die Straßen der Stadt, um das Wirtshaus zu suchen, in dem damals Meister Koch abgestiegen war. Vielleicht wußten die Leute was von ihm, der öfter hin und her fuhr, und vielleicht auch etwas von Käsmodels. Nun er Leipzig so nahe war, hatte ihn eine heftige Unruhe erfaßt, ob sie noch alle lebten, ob das Haus noch stand, und ob sie sich auch freuen würden, daß er so unerwartet kam.
Er lief und lief, dort mußte es doch sein, nein dort! Auf einmal blieb er mitten auf der Straße stehen und überlegte, er wußte ja gar nicht mehr den Namen des Wirtshauses. Es war ein Roß, dachte er, nein, ein Hirsch — und weil gerade ein Mann vorbeikam, fragte er hastig: »Ach, bitte, sagen Sie mir, ist hier ein goldenes Roß, nein, ein weißes Roß — nein, ein Schwan oder eine Gans — nein, ich glaube, es war ein —«