»Dummkopf!« schrie der Mann, »hältst mich wohl zum Narren!« Fuchsteufelswild drehte er sich um und rannte einem dicken Mann etwas unsanft gegen den Bauch, aber der schien das gar nicht zu spüren, er starrte nur Raoul an und rief: »Daß dich das Mäuschen beißt, das ist ja allweil unser Raoul!«

»Herr Meister — ich!« Mit einem Schrei hing Raoul an des dicken Meisters Hals, ein Tränenstrom brach aus seinen Augen, und fassungslos vor Freude umklammerte er den dicken Mann.

Der schluckte, prustete, brummelte, wischte sich die Augen und schneuzte sich laut, endlich brüllte er, daß es die Straße entlang schallte: »Da ist er ja, der Musjeh Raoul, allweil, nee so was! Junge, Junge, heule doch nicht so! Du bist da und bleibst da, und alleweil wieder fort, das gibt's nicht. Aber jetzt sag', wie du hergekommen bist!«

Doch Raoul konnte noch nicht sprechen, er hielt die Hand des Meisters so fest, als wollte ihn jemand mit Gewalt von dem Manne wieder trennen. »Na sachte, alleweil sachte,« brummte der, »ich nehm' dich gleich mit. Wärst du eine halbe Stunde später gekommen, dann hättest du laufen müssen. Zu uns willst du doch, oder bist du etwa auf dem Wege zu deinem französischen Onkel?«

»Nein!« rief Raoul, und ein Lachen flog nun über sein Gesicht, und dann sagte er ausatmend: »Ich bin ausgerissen!«

»Das wissen wir schon!« Der Meister schmunzelte so, daß sich sein rundes Gesicht in lauter Falten zog. »Dein Oheim hat's schon geschrieben, und danach tut es ihnen allen furchtbar leid. Ich habe geschwind geantwortet, daß ich nichts von dir wüßte, ich dachte aber doch, alleweil kommt er schon, wenn er noch 's Leben hat. Der Gottlieb, der verflixte Bengel, hat sich schon beinahe die Augen aus dem Kopf nach dir ausgeguckt. Daß die teuren Bücher auch zum Hineinsehen sind, das vergißt er alleweil. Doch nun komm, unterwegs erzählst du mir, warum du's mit dem Ausreißen so eilig hattest!«

Jetzt erst fielen dem Knaben wieder seine Weggenossen ein, und er erzählte eifrig und ein bißchen kraus durcheinander, auf welche Art er die Reise gemacht habe, und ein paarmal nickte der Meister anerkennend dazu. Nach kurzem Nachdenken wurde beschlossen, den kleinen Umweg zu machen und an der Ausspannung vorbeizufahren, wo die Handelsleute weilten. Es dauerte nicht lange, da saß Raoul neben seinem Beschützer, und mit Hühhott ging es durch die Stadt, und die braven Thüringer staunten nicht wenig, wie stattlich ihr junger Genosse auf einmal daherkam. Der Leipziger Bürger und Meister flößte ihnen gewaltigen Respekt ein, und da er ihnen noch als Mitbringsel für ihre Kinder ein kleines Geldgeschenk gab, sagte die Frau wieder zu Raoul: »Du hast uns Glicke gebracht!«

Es gab einen sehr herzlichen Abschied. Der Meister riet den Leuten dringend, möglichst schnell auf Nebenwegen in ihren Wald zurückzugehen. »Sie ziehen daher wie ein Heuschreckenschwarm,« sagte er finster. Der Händler nickte trübe: »Iche wollte meine Schecke und den Wagen verkaufen und zu Fuße ziehen, aber jetzund kauft das Pferd niemand; sie sagen alle, die Franzosen nehmen's uns vielleicht weg, jo—e es will jeder sein Geld im Sacke behalten.«

Noch einmal rief Raoul den Genossen ein Lebewohl und gute Heimkehr zu, dann zog der Meister die Zügel an, und fort ging die Fahrt, auf Leipzig zu.

Unterwegs erzählte Raoul dem Meister getreulich und ausführlich alles, was er erlebt hatte, er verschwieg nichts, auch nicht die erfahrene Güte, aber zu seiner Verwunderung schwieg der nachdenklich und sah sinnend auf den braunen Pferderücken vor sich, als gefiele ihm der ganz besonders. Da begann Raoul das Herz zu schlagen, und leise, scheu fragte er: »War's recht?«