»Alleweil nee, mein Junge,« rief der biedere Meister. »Sie haben dir übel mitgespielt, aber nicht alle; weil's doch deine Frau Mutter selig gewollt hat, darum hättest du noch etwas aushalten, lieber mal dem Hochhinaus, dem Joachim, ordentlich die Jacke vollhauen sollen. Na ja,« beschwichtigte er, als er Raouls erschrockenen Blick sah, »du bist von anderer Art als wir Käsmodels, und ich glaube beinahe, darin gleichst du deiner Frau Mutter selig. Schlecht behandeln, nee, das ließ die sich nicht, lieber arbeitete sie über ihre Kräfte und hungerte dazu. Einzig schade ist's, daß deine Verwandten nicht deine Mutter gekannt haben, alleweil, das war ihr größtes Unrecht, daß sie gleich nichts Gutes von ihr dachten, bloß weil sie eine Französin war. Aber wie es ist, so ist's, ich habe deiner Frau Mutter selig gelobt, dir ein Freund zu bleiben, und das halte ich. Du hast ihren Willen erfüllt, bist zu den Verwandten gereist und bist freiwillig wiedergekommen, und nun bleibst du bei uns und gehst mit dem Bengel, dem Gottlieb, auch aufs Gymnasium, 's wird euch beiden gut sein. Uff!« Der dicke Meister atmete tief nach dieser langen Rede, und Raoul schmiegte sich fest an ihn an. Er fühlte wohl, daß sein Beschützer recht hatte, daß er zu vorschnell gewesen war, aber die Freude, wieder in der alten Heimat zu sein, war doch größer als die Reue.
Die Nacht war schon heraufgekommen, als Meister Käsmodel mit seinem Schützling durch das Hallesche Tor in Leipzig einfuhr. Zum Ärger manches braven Bürgers rasselte das Wäglein laut durch die stillen, dunklen Gassen, und aus manchem Federbett heraus kam brummend das scheltende Wort: »Es ist unerhört, daß zu nachtschlafender Zeit wieder ein Wagen fährt. Nicht einmal in der Nacht hat man seine Ruhe.«
Als die Meisterin Käsmodel aber in der Backstube das Rollen vernahm, horchte sie freudig auf: ihr Mann kehrte zurück, um den sie schon sehr gebangt hatte, denn eine Fahrt auf der Landstraße bei Dunkelheit war in den unruhigen Zeiten nicht ungefährlich.
Sie eilte selbst, die Haustür zu öffnen, und mit einem Laternchen beleuchtete sie die Heimkehrenden. Es war aber gut, daß der Meister geschwind zusprang, sonst wäre das Laternchen hingefallen, so überrascht war die Frau, als sie Raoul erblickte. Sie zog den Knaben rasch gar liebevoll in die Arme, streichelte ihn mütterlich und sagte: »Nun sind's wieder drei!«
»Das Lottchen,« flüsterte Raoul, er wußte nicht viel zu sagen, aber die Meisterin verstand ihn: »Es hat eben jeder sein Kreuz zu tragen in der Welt,« sagte sie sanft. »Nun komm aber hinein, Gott segne deinem Einzug!«
»Und der Gottlieb, der Racker, schläft alleweil wie ein Bär,« rief der Meister. »Na, der wird morgen Augen machen. Kannst dich übrigens gleich in das Bett in seine Kammer legen. Der verflixte Bengel hat doch nicht geruht, das Bett mußte aufgestellt werden, noch an dem Tage, an dem der Herr Oheim geschrieben hat.«
Mit strahlenden Augen sah sich Raoul in der Backstube um. Der warme, kräftige Brotgeruch mutete ihn so heimatlich an, und daneben in dem Stübchen hatte er so oft mit der Mutter gesessen, wenn es oben in der Mansarde kalt gewesen war, und unwillkürlich sagte er laut: »Ich bin so froh, so froh!«
»Ist recht,« sagte der Meister, »und nun, Mutter, gib ihm mal was zu essen, und dann in die Federn. Den Gottlieb wecken wir heute nicht, der schreit uns sonst alleweil die ganze Nachbarschaft zusammen vor Freude.«
Ganz still kroch Raoul dann in des Freundes Kammer in das bereitstehende Bett, und Gottlob pustete und schnarchte und merkte nicht, daß der Ersehnte heimgekommen war. Der konnte freilich trotz seiner Müdigkeit nicht gleich einschlafen; wie ein wunderlich wirrer Traum lagen die letzten Wochen hinter ihm, und in alle Freude, endlich am Ziel zu sein, tönten ihm aber doch immer des Meisters Worte hinein, daß er es noch hätte aushalten sollen. Er meinte Gottliebes helles Lachen zu hören, ihr liebliches Gesicht zu sehen; vielleicht weinte sie um ihn, und die Tante war traurig, und Pfarrer Buschmann schüttelte bekümmert das Haupt über den entlaufenen Schüler. Aushalten, aushalten, nicht heimlich davonlaufen! klang es immer in ihm. Nun werden sie dich feige schelten und erst recht nicht für einen echten Steinberg halten. Da ballte er die Hände zur Faust in seinem Bett und sagte ganz leise zu sich wie ein festes, schweres Gelöbnis: »Sie sollen doch noch sehen, daß ich ein Steinberg bin.« Und in dem Schlummer, der nun endlich über ihn kam, sah er plötzlich Joachim vor sich stehen, der lachte spöttisch: »Bist doch kein echter Steinberg!« Halbwach fuhr Raoul noch einmal empor und murmelte drohend: »Warte nur, ich werde dir's doch beweisen!« — —