Als Gottlieb Käsmodel am nächsten Morgen erwachte, reckte und dehnte er sich gähnend in seinem Bett herum und schaute erst die Wand an, dann in das Zimmer hinein. Da fuhr er plötzlich mit einem gellenden Schrei in seinem Bett empor. Mit einem Sprung war er drüben am andern Bett und zog Raoul mit einer solchen Kraft aus dem Bett, daß im nächsten Augenblick beide Jungen auf der Erde lagen.
»Er ist da, er ist da,« brüllte Gottlieb, sprang auf, setzte über Raoul hinweg, riß die Türe auf und brüllte wie besessen die Treppe hinab: »Er ist da, er ist da, huuh, huuh!« Ein wildes, schauerliches Freudengeheul erfolgte, und im Nu öffneten sich Türen, man hörte ängstliche Stimmen, jemand schrie: »Es brennt, es brennt!« und dann klappten Schritte, oben, unten, überall waren die Bewohner aufgeschreckt.
Raoul aber saß auf seinem Bett und lachte, lachte, und Gottlieb tanzte im Hemd im Zimmer herum und stieß solche Siegesschreie aus, daß selbst Bonaparte vor diesem Gebrüll vielleicht auf und davon gelaufen wäre.
»Donnerwetter, ja!« mit diesem Ruf war Meister Käsmodel aus seinem süßen Morgenschlummer aufgefahren. Er wollte hinaus, aber dann besann er sich noch zur rechten Zeit und rief nur: »Mutter, halt doch dem Bengel, unserem Gottlieb, mal den Schnabel zu; der Junge bringt ja die Nachbarschaft in Aufregung. Nee, wenn der mal so backen kann wie schreien, dann wird er Obermeister oder gar Hofbäcker.«
Oben legte sich schon der Lärm, denn Gottlieb war von der unbezwinglichen Sehnsucht erfaßt worden, des Freundes Schicksale zu hören, und an diesem Tage verwünschte er die Schule noch mehr als sonst, und nur der Gedanke vermochte ihn zu trösten, daß künftig der Freund mit ihm die Plage teilen würde.
In der Mittagsstunde stand dann Raoul wie einst in der Burggasse, stand und wartete auf Karl Wagner, dessen Freude beim Anblick seines ehemaligen Schreibgenossen freilich nicht so laut und stürmisch war wie die von Gottlieb Käsmodel.
Die klaren Augen ruhten aber so warm und doch so ernst fragend auf dem Knaben, daß der den Kopf senkte. Es war ihm, als schaute der kleine Schreiber ihm tief auf den Grund der Seele. »Ich bin ausgerissen,« sagte er leise, »es war nicht recht, ich hätte aushalten sollen, aber —«
»Du bist froh, daß du hier bist, mein Junge. Nun, wir begehen alle Torheiten im Leben, und es kommen auch schon Stunden, in denen man gut machen und Fehler sühnen kann. Doch Gott zum Gruß, daß du wieder da bist, daran wollen wir uns heute freuen. Ich hab' es erwartet. Gottlieb hat mir erst gestern gesagt, du kämst so gewiß wie seine Vier in der nächsten lateinischen Arbeit!«
»Das stimmt,« rief Raoul, »er hat sie heute bekommen,« und mit einem strahlenden Lachen sah er zu Karl Wagner auf: »Ich bin so froh, so froh!« –
Das Bäckerhaus, das sich dem heimatlosen Knaben so bereitwillig geöffnet hatte, wurde ihm bald wieder eine liebe Heimat. Jetzt, da er freiwillig die Verwandten verlassen hatte, betrachtete ihn Meister Käsmodel als seinen Sohn und handelte wie ein guter, treuer Vater an ihm. Mit Gottlieb besuchte Raoul zusammen das Gymnasium, und mit seiner Hilfe umschiffte Gottlieb die Klippen der lateinischen Sprache, nahm sicherer die bösen Gräben der Orthographie, und schaute fortan die Schule nicht mehr wie einen Käfig an, in dem ein Raubtier eingesperrt werden soll.