Raoul hatte den Adel ablegen müssen, Meister Käsmodel meinte, es würde zu viel Gefrage drum geben. »Bleib nur adlig im Herzen, mein Junge, das ist die Hauptsache. Nachher, wenn du was Rechtes geworden bist, allweil kannst du dich wieder mit dem alten Namen nennen.« Der biedere Meister fürchtete immer, Graf Turaillon könnte doch wieder dem Neffen nachforschen, und nach Frankreich hätte er den Pflegesohn nur bitter schwer ziehen lassen. Zu seiner großen Beruhigung war der lange Schreiber Neumann aber wirklich aus Leipzig fortgezogen, der konnte also Raouls Anwesenheit nicht mehr verraten.
Es kam in diesem ersten Sommer aber noch einmal ein Briefchen aus Hohensteinberg ins Bäckerhaus, Gottliebe hatte es geschrieben. Sie schrieb darin, sie glaube bestimmt, daß Raoul da ist, und sie bat gar lieb und herzlich, der Vetter möchte zurückkehren. Da wurde dem Knaben das Herz doch schwer, und wenn er jetzt an alles dachte, was er in Hohensteinberg erlebt hatte, da fühlte er immer mehr und mehr, daß seine Flucht zu rasch, zu unüberlegt gewesen war. Aber zurückkehren wollte er doch nicht, und so schwer es ihm auch wurde, er ließ Gottliebes Brief unbeantwortet. Das Bäslein im fernen Osten weinte manche Träne darum, als der Brief, auf den sie gewartet hatte, ausblieb; sie hoffte und hoffte, und erst als der Winter kam, schwand ihre Hoffnung, und sie dachte nun auch wie die andern, Raoul sei untergegangen oder nach Frankreich zu seiner Mutter Bruder entwichen.
[Zehntes Kapitel.]
Nach langer Not zum heiligen Krieg.
In dem Sommer von 1812 hatte in Preußen keiner die rechte Freude an aller Sommerlust, an Sonnenglanz, blühenden, grünenden Wiesen und kühlem Waldesschatten gehabt, und als sich der Winter früh meldete, da klagte niemand dem Sommer nach. Mit Schnee und Eis, mit frostklaren Tagen und Nächten kamen zugleich über die Grenze Nachrichten geflogen, die jedes vaterlandstreue Herz erbeben ließen. Napoleon sei geschlagen, raunte es erst leise, bis dann die gewisse Kunde kam von dem Untergang der großen Armee. Im Wintersturm flohen die letzten Reste des einst so glanzvollen Heeres aus dem unbesiegten Lande.
Da hob ein Singen und Klingen in viel tausend deutschen Herzen an, und überall blühte die Hoffnung empor, daß der Freiheitskampf, nach dem sich alle sehnten, der sie vom Joch der Fremdherrschaft erlösen sollte, nun beginnen würde. Wie ein Gottesgericht erschien ihnen allen der furchtbare Schlag, der die übermütigen Eroberer getroffen hatte, aber die Freude zeigte sich nicht, als in kleineren Trupps, manchmal gar nur zu zweien und dreien, die letzten Überlebenden der großen Armee über die russische Grenze kamen. »Man muß sie vernichten,« hatte mancher gerufen, wenn er an die Härten des Sommers dachte, der mancher Familie den letzten Wohlstand geraubt hatte. Doch als die Flüchtlinge kamen, wahre Jammergestalten, da schwieg der Haß, und das Mitleid regte sich.
Durch Hohensteinberg kam an einem der ersten Tage des Jahres auch ein Trupp Flüchtlinge, und Joachim in seinem überschäumenden Knabenhaß rief, als er von ihrem Nahen hörte: »Man darf sie nicht aufnehmen, es sind Feinde!«
Nachher stand er neben seinem Vater auf dem Hof und sah das Trüpplein vor sich. Wohl fünfzehn Männer waren es; von Hunger, Kälte, dem langen Marsch und Krankheiten waren sie so erschöpft, daß nur ein paar noch klare Antwort geben konnten über ihre Schicksale, die andern starrten dumpf vor sich nieder, ein paar waren kraftlos in den Schnee gesunken. Die Knechte, Mägde, die Dorfleute, alle waren herbeigeeilt und umstanden in finsterem Schweigen die Unglücklichen, und der Freiherr fragte nach den Namen, der Herkunft. Da klang ein deutscher Name nach dem andern an sein Ohr: die Leute waren alle Süddeutsche, sie alle hatten den französischen Fahnen folgen müssen.