Die Hausfrau hatte die Flüchtlinge kommen sehen. Sie hatte nicht viel geforscht und überlegt, nicht viel nach Namen und Art gefragt, sondern sie war selbst in die Küche gegangen und hatte mit Jungfer Rosalie eine kräftige Mehlsuppe gekocht, und bald kamen aus dem Haus die Hausfrau mit ihren Töchtern und Mägden, und alle trugen Töpfe voll dampfender Suppe und Körbe voll Brot.
Ein Schreien, ein gieriges Schreien gellte auf, die erloschenen Augen der Flüchtlinge blitzten, zitternd streckten sie die Hände aus: Essen, warmes Essen nach so vielen langen, langen Tagen wieder!
Die Frauen mußten mahnen: »Ihr verbrennt euch, nicht so hastig!« Doch die Flüchtlinge rissen ihnen die heißen Töpfe fast aus den Händen, sie schluchzten, schlangen, und manch einem Mann rannen die Tränen über das hohlwangige Gesicht. Essen, Essen, eine warme Suppe, wie wohl das tat!
In tiefem Schweigen sahen die Männer und Frauen zu. Kein Schmähwort wurde laut, keine Hand ballte sich mehr zur Faust, vor diesem Jammer schwieg der Haß. Und als der Freiherr sich zu seinen Knechten wandte: »Räumt eine große Stube für die Leute aus, ihr könnt in den leeren Gastzimmern wohnen,« da boten sich eilig ein paar Bauern zur Hilfe an, und ein paar Frauen sagten, sie könnten wohl noch allerlei Sachen aus ihrem Vorrat hergeben.
Schweigend folgte auch Joachim den Knechten und half räumen und Strohlager herrichten, und manchmal streifte sein Blick die Flüchtlinge voll tiefen Mitleids, die, in Lumpen gehüllt, die Beine mit alten Fellen und Stroh umwickelt, auf dem Kopfe wohl Frauentücher und Hauben, in nichts mehr den siegesfrohen Kriegern des Sommers glichen. Und alle waren Deutsche. Des Jünglings Herz krampfte sich zusammen, und in dieser Stunde begriff er völlig die Schmach seines Vaterlandes.
Man hatte auf Hohensteinberg noch manchmal Gelegenheit, den Flüchtlingen zu helfen, und alle auf dem Schloß und im Dorfe taten es mit christlichem Erbarmen. Ein paar der Leute starben, andere wurden gesund, einige kehrten in die Heimat zurück, andere aber blieben, blieben, um in das preußische Heer einzutreten und für ihrer Brüder Freiheit zu kämpfen.
Es regte sich überall. Laut sprachen die, die bisher hatten schweigen müssen, von dem bevorstehenden Freiheitskampf, und keinem Krieg hatte man in Preußen so entgegengejubelt wie diesem, den der Frühling von 1813 bringen sollte und dessen Ausbruch man kaum erwarten konnte.
An einem Märztag, an dem es schon lenzlich sproßte und Büsche und Bäume im jungen Safte schwollen, gab es in Hohensteinberg eine bittere Abschiedsstunde. Vater und Sohn zogen beide in den heiligen Kampf, und aus dem Dorfe folgten ihnen alle Männer, die noch die Kraft in sich fühlten, mitzustreiten und mitzusiegen, denn Sieg war aller Gebet und Hoffnung.
Joachim wollte mit seinen Freunden, den Tugendbündlern, in das ganz aus Freiwilligen gebildete Reiterregiment, das Graf Lehndorf in Königsberg sammelte, eintreten. Daß nur Arnold von Berkow gerade die vorgeschriebenen siebzehn Jahre zählte, kümmerte sie alle nicht, sie hofften, niemand werde es so genau damit nehmen.