Es hatte in Hohensteinberg auch niemand daran gezweifelt, daß Joachim mitziehen würde, und Frau Maria, die bei aller Sanftmut doch eine starke, tapfere Frau war, brachte ohne Klagen das schwere Opfer. Die Frauen des Hauses trugen in dieser Zeit eine stille, gefaßte Miene zur Schau, keine wollte es den Scheidenden schwer machen. Als Gottlobe zuerst in Strömen von Tränen Trost suchte, hatte die Großmutter sie in der alten herben Art, von der seit Raouls Flucht nur wenig noch zu spüren war, angerufen: »Schweig! Eine Steinberg heult nicht.« Da war Gottlobe jäh verstummt, und nur der Schwester klagte sie. »O der furchtbare Krieg! Wenn doch kein Krieg käme!«
»Bist dumm,« erklärte Gottliebe, und in ihr weiches Gesichtchen grub sich die feste, harte Steinbergfalte, »ich wollte nur, ich könnte mit wie Joachim!« Gottlobes Entsetzen ließ die Schwester ungerührt, und es ahnte niemand, wie oft Gottliebe es wünschte, ein Junge zu sein.
Wenige Tage vor dem Aufbruch trat sie zu dem Vater in das Zimmer. Zu ungewohnter Zeit und ohne Erlaubnis wagten es die Kinder selten, des Vaters Zimmer zu betreten, und der Freiherr, der über Büchern und Rechnungen saß, schaute erstaunt auf sein Mädel. »Was willst du?«
»Vater!« Gottliebe preßte beide Hände an die Brust, und wie sie so vor dem Vater stand im schlichten, dunklen Kleid, ein weißes, feines Tuch um Hals und Brust geschlungen, das junge Gesicht von den blonden Locken umrahmt, sah sie unendlich lieblich aus, und des Vaters Augen freuten sich an der jungen Schönheit seines Kindes. »Nun,« fragte er noch einmal freundlich, als Gottliebe stockte, »was will mein Mariellchen?«
»Vater — ich —« Purpurglut lief über das Gesichtchen, »ich — will mich als Achims Bruder verkleiden, weißt du, als ob ich sein Bruder wäre und nicht seine Schwester, und mitziehen in den Krieg. Ich kann's, Vater, gewiß! Bitte, bitte, lachen Sie nicht, ich habe die Kraft und — ich schäme mich, daß ich nichts, gar nichts für mein Vaterland tun kann, nur ein Mädchen bin.«
»Nur ein Mädchen!« Der Freiherr zog sein Kind an sich. »Meine Liebe, mein tapferes Kind, was sagst du da? Nur ein Mädchen — ist es denn nicht etwas Schönes, ein Mädchen zu sein, eine Frau zu werden, zu sorgen und zu schaffen für der anderen Wohl? Ei, Liebe, was sollten wir Männer tun, wenn wir in den Krieg ziehen müssen und daheim nicht unsere Mütter, Frauen und Schwestern unsere Arbeit täten?«
»Es ist so wenig,« flüsterte Gottliebe, »es sind — keine großen Taten.«
Ein ernstes Lächeln glitt über des Freiherrn Gesicht. »Keine großen Taten? Du Kind du! Auch wir, die wir in den Kampf ziehen, wissen nicht, ob uns das Schicksal für große Taten bestimmt hat. Es wird mancher an einem Zaun verbluten und sein Leben lassen, der ein Held war, und dessen Name nie jemand nennt. Sieh hinaus, meine Mariell, dort grünen die Saaten, dort wächst die Ernte des Jahres heran, und es würde schlimm darum bestellt sein, wenn die Frauen nicht den goldenen Segen hüten wollten, und unsere Ställe und Kornkammern würden leer sein ohne der Frauen Arbeit, und wer diese Arbeit leistet, der tut auch etwas für sein Vaterland. Ich ziehe fort und Joachim, und wir wissen nicht, wann wir wiederkehren, und ob wir noch einmal die Heimat sehen. Da lege ich denn auf deine Schultern einen Teil meiner Sorge und Last: du sollst deiner Mutter ein Segen, ein Trost sein, ihre Helferin in den Tagen der Mühe, die kommen werden. Es wird dir wenig Zeit für heitere Jugendlust bleiben, aber ich weiß, daß du treu an deiner Stelle stehen wirst, und an der Liebe für die Deinen, für das Vaterland wird deine Kraft, dein Wille erstarken. Gott hat jeden an seinen Platz gestellt, und es braucht keiner zu sagen: Ich bin nur dies, nur das! der seine Pflichten in Treue erfüllt. Die Frauen unseres Geschlechts waren immer tapfer und treu und verloren nicht ihren Mut in den Zeiten der Not. Sei auch du eine Steinberg, mein Kind, und draußen im Wirrsal des Krieges will ich froh denken: Meine Liebe schafft daheim, meine Tochter. Gott sei Dank, daß mir der Himmel zum Sohne auch Töchter gab!«
Gottliebe schmiegte sich bebend an den Vater an, sie fand keine Worte. Erst als der Vater sie prüfend anschauend fragte: »Willst du noch verkleidet mitziehen, und bist du nun noch traurig, nur ein Mädchen zu sein, meine kleine Tugendbündlerin?« da sagte sie leise, mit einem feierlichen, frommen Klang in der jungen Stimme: »Ich will daheim bleiben!«