Es wurde nicht viel geweint und keine Klagen ertönten, als ein paar Tage später die freiwilligen Kämpfer Abschied nahmen. Alle waren ernst und gefaßt, selbst die weichmütige Gottlobe versuchte, tapfer ihre Tränen zurückzudrängen; Gottliebe aber stand dabei mit einem so ernsten, reifen Ausdruck in dem Gesicht, daß der Vater diese Tochter noch einmal mit besonderer Liebe umfaßte. »Ich weiß, daß ich mich auf dich verlassen kann, mein Mädel,« sagte er ernst.

Und die Zurückgebliebenen nahmen tapfer und willig die vermehrte Arbeitslast auf sich, und so emsig auch jeder schaffte, sie staunten in Hohensteinberg doch alle über Gottliebe. Mit einem Ernst, der ihre Jahre weit überragte, suchte sie sich selbst ihre Arbeit. Pfarrer Buschmann willigte ein, daß vorläufig die Stunden ausgesetzt wurden, und Gottliebe packte die Bücher fort, die sie so liebte; auch für heitere Mädchenlust und zärtliche Freundschaftsbriefe fand sie keine Zeit mehr. Schon nach etlichen Wochen nannte Frau Maria ihre älteste Tochter ihren kleinen Minister, und Jungfer Rosalie wollte fast eifersüchtig werden, aber die Freude über des jungen Mädchens ernsten Fleiß war größer als das kleinliche Gefühl der Eifersucht. Die weichere, schwärmerische Gottlobe ließ sich von der Schwester fortreißen, aber wenn Liebe schon vor Tau und Tag aufstand, um auf dem Hof nach dem Rechten zu sehen, dehnte sie sich doch noch oft im Schlafe, und sie konnte auch das Seufzen und Klagen nicht ganz unterlassen; trotzdem wurde sie in dieser Zeit doch auch ein tüchtiges, pflichtgetreues Mädchen, eine rechte Tugendbündlerin, wie es die Schwester nannte. —

Und es wurde manche in dieser harten, schweren Zeit zur Heldin, manche Frau lernte das tapfere Aushalten, und für manches Mädchen gingen Jugendlust und Freude unter in dem ernsten Alltag. Das Gefühl, in einer großen, gewaltigen Zeit zu stehen, befreite viele von kleinlichem Kummer, kleinen Fehlern, kleinen Gedanken.

Eine große, eine wunderbare Zeit war es. Als Herr von Steinberg mit seinem Sohne, Freunden und Heimatgenossen nach Königsberg zog, da hatte der König von Preußen sein Volk noch gar nicht gerufen, aber doch strömten von überall her die Freiwilligen zu den Fahnen. Das Volk selbst forderte den heiligen Krieg, es forderte ihn so einmütig, mit solcher Opferwilligkeit, daß die meisten fühlten, nur Sieg oder ein völliger Untergang konnte das Ende sein. In Ostpreußen aber fühlte man es vielleicht am tiefsten, daß das herrliche, tapfere Preußenvolk nicht untergehen konnte.

Aber auch aus den andern Ländern deutscher Zunge außerhalb Preußens strömte die Jugend herbei, um dem Bruderlande zu helfen. Da litt mancher schwer, weil das engere Vaterland sich noch zu Frankreichs Bundesgenossen rechnete, und mancher kehrte dem kleinen Vaterland den Rücken und eilte über die Grenze nach Breslau, wo König Friedrich Wilhelm weilte, um unter dem preußischen Adler zu fechten. Sie fühlten, daß es diesmal für Preußen kämpfen für die deutsche Sache überhaupt kämpfen hieß.

Raoul von Steinberg träumte mit seinem Freunde Gottlieb auch viel von Kampf und Sieg, und in dem Ofenwinkel schmiedeten die zwei in den ersten Monaten des Jahres 1813 manchen kühnen Plan. Meister Käsmodel sagte nichts dagegen, wenn die Jungen laut von Kampf und Sieg sprachen; er war auch einer von denen, die voll Hoffnung auf den kommenden Sieg sahen, auch ihn bedrückte schwer die Schmach der deutschen Uneinigkeit, und er sagte manchmal: »Es ist wider die Natur, daß wir Sachsen Bonapartes Bundesgenossen sind. Herrgott, ich wollte, wir alle, die wir deutsch sprechen, hätten einen Kaiser, es wäre ein Reich.«

Das milde Klima des Pleißentales hatte in Leipzig schon im Februar hier und dort grüne Spitzen hervorgebracht, und es gab schon frühlingswarme Tage. Statt Schnee rann wohl auch der Regen in Strömen vom Himmel herunter, und an einem solchen platschenden, warmen Regentag kamen Raoul und Gottlieb mit einer solchen Eile, mit so viel Geschrei aus der Schule heim, daß ihr Rufen selbst das kleine blonde Minchen aus dem Puppenwinkel hervorlockte. Die Meisterin ließ den Kochherd im Stich, und der Meister kam mehlbestaubt aus der Backstube herbei. »Alleweil jetzt möcht' ich wissen, was das Geschrei soll, Bengels! Nächstens fällt noch unser guter, dicker Thomasturm um von eurem Geschrei.«

»Sie ziehen nach Breslau,« schrie Gottlieb und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum, »und wir woll'n mit.«