»Wer — was zieht nach Breslau? Junge, rede doch vernünftig!« brummte der Meister.
»Die Hallenser Studenten ziehen nach Breslau, um dort als Soldaten einzutreten,« sagte Raoul heiß und erregt. »Sie sagen alle, dort würden neue Regimenter gebildet, und der Herr Konrektor hat's selbst erzählt, in einigen Tagen schon reisen die Studenten ab, sein Neffe ist auch dabei, und da — da — wollen wir mit.«
»Seid doch keine Studenten,« rief die Meisterin ärgerlich, die um ihren Sohn bangte, — »euch nehmen sie ja gar nicht, und die Studenten möchten sich schön umschauen, wenn so'n paar Dreikäsehochs mitwollten.«
»Hoho,« schrie Gottlieb empört, »wir sind fünfzehn Jahre, 'n paar Tage fehlen mir nur noch, sie nehmen uns schon.«
»Sie nehmen euch nicht! Mann, rede du doch etwas!« Die Meisterin sah bittend zu ihrem Manne hin. Sagte der denn kein Wort, redete der nicht den Buben den Unsinn aus?
Doch der Meister schwieg. Er sah von einem zum andern, und das Herz tat ihm weh, daß er die beiden Jungens aus dem Hause lassen sollte, aber — er selbst hätte es wohl verlangt, wenn er in ihrem Alter gewesen wäre, er verstand, daß die Jugend vor Kampfeslust glühte. »Du bist unser Einziger,« sagte er zögernd, »da ist's wohl allweil besser —«
»Das sagt Raoul auch,« schrie Gottlieb, und sein Gesicht flammte, »aber ich bleib' nicht hinterm Ofen sitzen, ich schäm' mich halbtot.«
»Mein Himmel,« stammelte die Meisterin entsetzt, »der Junge ist ja außer Rand und Band und soll nun mal ein richtiger, gesetzter Bäckermeister werden! Mann, schaff Ordnung!«
Doch dem Meister gelang es nicht, Ordnung nach dem Sinne des zagenden, sorgenden Mutterherzens zu schaffen. Er redete den Knaben gütlich und ernst zu, aber Gottlieb merkte wohl das heimliche Zögern des Vaters, und daß der im Herzen ihm recht gab, und er bat, flehte, trotzte auf, und im Bäckerhaus gab es ein paar stürmische, tränenvolle Tage. Die Meisterin wollte und wollte nicht einsehen, daß gerade sie ihren Sohn ziehen lassen müßte, und dabei schaute sie doch immer mit heimlichem Stolz auf Gottlieb. Es war, als wüchse der in diesen Tagen; er streifte viel Kindisches, Törichtes von sich ab, sein heißes Wollen, die brennende Sehnsucht, die in ihm gärte, reifte ihn, und endlich gab die Mutter nach und fügte sich mit blutendem Herzen darein, den Sohn ziehen zu lassen. Um des Vaters Einwilligung brauchte Gottlieb nicht zu ringen.
»Wartet es doch wenigstens ab, bis man wirklich weiß, ob es losgeht,« bat die Meisterin, der jeder Tag Aufschub ein Geschenk schien; aber dann brachte Meister Koch eines Tages die Nachricht, daß die Hallenser Studenten wirklich nach Breslau zu ziehen gedächten. Da gab es kein Halten mehr. Gottlieb und Raoul eilten zu ihrem Konrektor und erbaten sich einen Empfehlungsbrief an dessen Neffen, und der redete nichts dagegen, sondern gab ihnen das Schreiben. Beim Abschied sagte er dann: »Ich glaube, Gottlieb, du wirst ein besserer Soldat als Lateiner werden, trotz deiner Jugend. Nun, Gott befohlen, ihr Jungen! Es wird eine heiße Zeit werden, und ich wollte, ich könnte euch erst wieder auf der Schulbank sehen, dann freute ich mich wohl selbst an deinem Fehlergewimmel, Gottlieb!«