Auch Meister Käsmodel hatte sich ein paar Empfehlungsschreiben verschafft, und so fuhr er selbst eines Morgens die beiden Knaben heimlich nach Halle. Es schien ihm gut und vernünftig, wenn die beiden sich den Hallenser Studenten anschlossen. Das war eine bitterschwere Abschiedsstunde in der kleinen Ladenstube. Die Meisterin hielt ihr Minchen an der Hand und schluchzte herzbrechend: »Nun bleibt mir nur das eine von meinen Kindern.«

»Ich komme wieder, Mutter, haben Sie keine Sorge,« flüsterte Gottlieb, dem nun doch der Abschied so schwer wurde, daß er die Zähne zusammenbeißen mußte, um nicht laut zu heulen. Er starrte immer geradeaus an der Mutter vorbei. Da lagen die Brote auf dem Schrank, eins, zwei, drei, vier, fünf, zählte er in Gedanken, eins, zwei, drei, vier — er schluchzte auf und rannte plötzlich hinaus und kletterte auf den Wagen. Herrgott, das hätte er nicht gedacht, daß ein Abschied eine so schlimme Sache war!

Raoul war gefaßter, doch als er des Freundes Kampf, der Mutter Jammer sah, dachte er an die bitteren Abschiedsstunden, die er schon durchlitten hatte. »Frau Meisterin,« sagte er rasch und faßte die Hand der Frau, »ich halt' zu Gottlieb, wie's auch kommt!«

Da war's, als glitte ein schwaches Leuchten über das vergrämte Gesicht der guten Frau, und sie strich über des Knaben Haupt. »'s ist mir ein rechter Trost, daß du dabei bist,« murmelte sie. »Fahrt mit Gott!«

Ein letztes Winken und Grüßen, und wie damals, als er nach Hohensteinberg gefahren war, rasselte das Wäglein die Straße entlang, und Raoul warf einen letzten Blick auf das spitzgieblige Haus; nun eine Biegung, es war nicht mehr zu sehen. Gottlieb schaute sich nicht einmal um; er saß ganz zusammengekauert da, und erst als Leipzig weit, weit hinter ihm lag, richtete er sich auf und fragte ein wenig unsicher: »Glaubst du, Raoul, daß uns die Studenten auch mitnehmen?«

»Freilich,« antwortete der Freund sorglos, und auch der Meister meinte gewichtig: »Warum denn nicht? Ich habe gute Empfehlungsschreiben.«

Die Steinbergs. (Seite 153.)