Es gab auf dem Marktplatz zu Halle aber ein lautes Hallo und Geschrei, als der Leipziger Bäckermeister auf ein dort versammeltes Häuflein Studenten zutrat und sein Anliegen vorbrachte. »Sind wir Kindermuhmen, sind wir Magister, die kleine Buben in Zucht und Lehre nehmen?« schrie ein baumlanger Kerl in Samtrock, der aus einer Pfeife rauchte, die beinahe so lang wie Meister Käsmodel selbst war.

»Euer Brot ist noch zu frischgebacken, wohllöblicher Bäckermeister,« spottete ein anderer und schaute lachend auf Gottlieb. Und ein dritter höhnte: »Schick den Backofen mit auf die Reise, damit die Büblein es gut warm haben.«

Heisa, da fuhr der Meister aus! Sein Gesicht glühte ihm wie ein gutgeheizter Backofen selbst, und seine Stimme dröhnte laut über die anderen hinweg. »Was schert es euch, ihr Herren, wenn den Buben ein paar Jährlein fehlen? Seid ihr der König von Preußen selbst? Sollte meinen, lang ist das allweil noch nicht her, als ihr selbst die Schulbänke drücktet! Nennt ihr das Vaterlandsliebe, aus langen Pfeifen schmauchen, in Samtkitteln einherlaufen und über ehrsame Bürgersleute spotten? Ein Paar junge Arme sind viel wert in dieser Zeit, und mein Gottlieb tut seine Sache vielleicht besser als so ein Bücherschnüffel, und mein Pflegesohn da, — dem sein Vater selig, der ist bei Saalfeld gefallen, und sein Sohn wird ihm Ehre machen. Gehabt euch wohl, ich meinte, in der Zeit müßte einer wie'n Bruder zum andern stehen, aber mir scheint, ihr zieht auf den Tanzsaal mit Lust und Übermut und allweil nicht in den heiligen Krieg fürs Vaterland.«

Der dicke Meister wischte sich danach den Schweiß von der Stirn, die Rede war kein leichtes Stück gewesen, aber sie hatte eine gute Wirkung getan. Die Studenten sahen einander betroffen an, dann trat einer vor und sagte höflich: »Nichts für ungut, so arg war's nicht gemeint, und wenn der Herr Meister uns die Söhne anvertrauen will, ich will sie wohl mitnehmen.«

Die andern fielen ein, so sei es recht, und nach ein paar Minuten war der Friede geschlossen, und es wurde abgemacht, daß Raoul und Gottlieb mit ungefähr zwanzig Studenten am nächsten Morgen die Fahrt nach Breslau antreten sollten. Mit festem Handschlag wurde brüderliche Treue gelobt, und Gottlieb, der schlechte Lateiner, der unerbittliche Feind aller Grammatik und Orthographie, hatte in dieser Minute beinahe Respekt vor sich selbst, vor diesem Gottlieb Käsmodel, der ein Genosse der Studenten geworden war. »Raoul,« flüsterte er, »von der Schule aus brächte ich's nie so weit, wenn — die nur nicht lateinisch reden.«

Aber daran dachten die Musensöhne nicht, sie redeten ein kräftiges, kernfestes Deutsch in dieser Zeit, und es zeigte sich bald, daß sie wirklich mit heiligem Ernst in den Krieg zogen. Der Meister wurde rasch gut Freund mit ihnen, und etliche versprachen ihm: »Wenn wir nach Frankreich marschieren und durch Leipzig kommen, dann vergessen wir es nicht, Meister, bei Ihnen Einkehr zu halten.«

»Das ist ein Wort,« rief der Meister, »aber so weit sind wir allweil noch nicht, und ehe ihr den Musjeh Bonaparte in seinem Frankreich selbst aufsuchen könnt, mag noch viel Wasser die Berge herabrennen.«

Mit schmetterndem Gesang ging es am nächsten Morgen frohgemut mit der Extrapost zur Stadt hinaus. Meister Käsmodel sah das Trüpplein davonfahren, und er lüftete ehrerbietig seine Kappe, als es stolz und froh in den kühlen Vorfrühlingsmorgen hinausschallte:

»Eine Ernte ist getreten
Von dem Feinde in den Kot,
Eh' ihn unsre Schwerter mähten,
Doch wir wuchsen auch in Not.
Eine Saat ist aufgestiegen,
Drachenzähne setzt die Brut;
Mag es brechen, will's nicht biegen,
Jugend hat ein heißes Blut.« —