Schon von Mitte Februar an zogen in Breslau die ersten freiwilligen Kämpfer ein, und als nach einer Fahrt, mit mancherlei List und Vorsicht, denn noch gab es überall französische Besatzungen, die Hallenser mit Raoul und Gottlieb an einem Märztage ihr Ziel erreichten, da herrschte auf den engen Straßen schon ein ungewöhnliches Leben. In Scharen kamen die Freiwilligen an, jeder hatte sich ausstaffiert, wie es gerade ging, und manch einer trug noch einen alten Säbel, den sein Vorfahre schon unter des großen Fritzen siegreichen Fahnen geschwungen hatte. Die Uniformen waren wunderlich zusammengestoppelt: ein bunter Kragen auf dem Alltagsrock — das war manchmal das einzige Zeichen, welchem Regiment einer zugehörte. Auch Gottlieb und Raoul waren noch nicht ausgerüstet, sie liefen in ihren Schulkleidern mit, als die Studenten sich einschreiben ließen. In dem großen Saal, in der Menschenmasse, den vielen höheren Offizieren gegenüber wurde es den Buben dann seltsam beklommen zumute. »Sie nehmen uns nicht,« flüsterte Gottlieb entmutigt, aber Raoul beharrte: »Sie müssen uns nehmen, ich muß mitziehen.«

In einer Ecke des großen Saales standen einige ältere Offiziere zusammen in eifrigem Gespräch. Ein hochgewachsener Mann in der Uniform der preußischen Landwehr erzählte lebhaft, wie es droben in Ostpreußen aussehe, und die andern lauschten aufmerksam seinen Schilderungen. Nur manchmal warf einer einen Blick auf die Schar der eben angekommenen Freiwilligen, von denen einer nach dem andern vortrat und seinen Namen und Stand nannte. Doch plötzlich horchten alle auf, das Stimmengewirr hatte sich jäh gelegt, und in die Stille hinein gellte eine helle Knabenstimme: »Ich muß mit, ich muß mit! Nehmen Sie mich doch, ich bin stark genug! Ich heiße Steinberg, und mein Vater fiel bei Saalfeld.«

»Steinberg, hören Sie, da ist einer Ihres Namens,« wandte sich ein General an den stattlichen Mann in preußischer Landwehruniform, und der drehte sich blitzschnell um. »Ein Steinberg, wo?« Da traf sein Blick Raoul, der blaß, hochaufgerichtet vor dem Tisch stand, auf dem die Listen der Eingeschriebenen lagen. Senkrecht grub sich in die Stirn des Knaben die tiefe Falte, und seine Augen sprühten und blitzten, eine so feste Entschlossenheit lag in dem jungen Gesicht, daß der General unwillkürlich sagte: »Donnerwetter, um den wär's schade!«

»Raoul!« Der Freiherr von Steinberg war rasch vorgetreten, da stand er, der verlorene Neffe, der Knabe, der so eigenmächtig sein Schicksal in die Hand genommen hatte. »Raoul, du hier?«

O diese Stimme! Raoul wandte sich jäh um und stand nun seinem Oheim Auge in Auge gegenüber. Eine tiefe Glut überflog sein Gesicht, aber seine Augen hielten doch den Blick des Oheims aus, und dem war es, als schaute er durch diese dunklen, ernsten Augen hindurch auf einen lichten, reinen Grund. Er legte seine Hand auf des Knaben Haupt: »Was ist's denn mit dir?«

»Ich bin zu jung, Gottlieb und ich sind zu jung,« rief Raoul, der jetzt nur an die Gegenwart dachte, rasch des Freundes Hand ergreifend, der einen Schritt hinter ihm stand.

»Zu jung, zu jung! Erst fünfzehn Jahre. Siebzehn müssen es sein,« sagte der Protokollführer und wiegte bedauernd den Kopf.

»Tretet zurück,« sagte Herr von Steinberg, »ich werde sehen, was sich tun läßt,« und ohne ein Wort weiter zu sagen, schob er Raoul vor sich her, stellte ihn vor den General hin und sagte: »Mein Neffe, der Sohn meines Bruders, der bei Saalfeld fiel, und noch ein Steinberg, der mit will. Mein Sohn, der auch noch nicht seine siebzehn hat, zieht auch mit. Ein Steinberg kann nicht daheim bleiben in dieser Zeit.«

Der General musterte Raoul von Kopf bis zu Füßen. »Ein wackerer Bursche,« sagte er anerkennend, »und ein Steinberg, das ist ein guter Empfehlungsbrief. Ich denke, wir können hier auch über die fünfzehn hinwegkommen. Aber was ist der andere?«