»Jetzt begreif' ich's allweil nicht,« flüsterte Gottlieb, des Vaters Lieblingswort unwillkürlich gebrauchend, »warum du da ausgerissen bist. Aber gut war's, denn ohne dich schickten sie mich heim.«
Sie saßen beide auf einem Holzbänkchen im Winkel, und es dauerte lange, ehe der Freiherr herauskam. »Das ist er,« flüsterte Raoul und schnellte in die Höhe, und kerzengerade, viel größer geworden in dem einen Jahr der Trennung, stand er vor seinem Oheim. »Junge, Junge,« rief der mit bewegter Stimme, »weißt du denn nicht, welche Sorge du uns gemacht hast? Ahnst du nicht, wie wir uns gegrämt haben um dich?«
»Es war eine Dummheit,« bekannte Raoul offenherzig, »es war unrecht.«
Da zog der Mann ihn an seine Brust. »Sieh von jetzt ab deinen Vater in mir, und wenn wir heimkehren, dann soll dir Hohensteinberg wirklich eine Heimat sein!«
Raoul drückte nur fest des Oheims Hand, er konnte nicht sprechen, und Gottlieb zog ein Gesicht, als wäre er dabei, eine Literflasche voll Essig auszutrinken. Da wandte sich der Freiherr zu ihm: »Du bist also der Gottlieb, von dem meine Mariell, deine Namensschwester, mir so viel erzählt hat! Schau nicht so finster drein, ich will dir den Freund nicht nehmen, so gute Freundschaft hält, meine ich, das ganze Leben. Gib mir die Hand, Gottlieb, auf gute Freundschaft auch zwischen uns zweien. Deinen Eltern und dir bin ich viel Dank schuldig für das, was ihr an meines Bruders Sohn getan habt!«
Gottlieb war puterrot geworden. Er hätte gern etwas recht Kluges, Feierliches gesagt, aber eine große Verlegenheit schnürte ihm fast die Kehle zusammen. Er trat von einem Bein auf das andere und platzte endlich heraus: »Raoul, warst du'n Esel! Vor so'nem Oheim wär' ich doch nicht davongelaufen!«
Der Freiherr lachte, daß ihm die Tränen über die Backen liefen, und herzhaft schüttelte er immer wieder die feste Bubenhand. »Du bist ein Prachtkerl, Junge!« sagte er. »Nun aber kommt noch hinein, es ist mir gelungen, eure Aufnahme durchzusetzen, da es euer Wille ist und deine Eltern, Gottlieb, doch einverstanden sind?«
»Freilich,« rief der und gab Raoul einen Puff. »Erzähl, wie's war!« Und Raoul erzählte dem Oheim kurz, wie sie hergekommen waren, und daß Meister Käsmodel sie selbst nach Halle gebracht hatte.
»Na, dann kommt!« sagte der Freiherr und betrat mit den beiden nochmals den Saal. Sie wurden eingeschrieben, und mancher wohlwollende Blick traf die beiden Jungen, und mancher dachte auch wie Herr von Steinberg: »Wie wird ihr Schicksal sein? Werden sie heimkommen aus diesem harten Kampf, der vor uns steht?«
Am nächsten Tage schon trennte die Unruhe der Zeit den Freiherrn von den beiden Knaben: er mußte nach Ostpreußen zurück, die Jungen aber blieben in Breslau. Es war ein kurzer Abschied. Auf Wiedersehen riefen die Knaben hoffnungsfroh, aber der besonnene Mann setzte ernst hinzu: »Gott gebe es uns, daß wir uns als Sieger wiedersehen.«