[Elftes Kapitel.]
Fürs Vaterland war es auch.
Der Sturm, der am Ende des Jahres 1812 durch Deutschland zu brausen begann, wurde stärker, sein Tosen gellte lauter und lauter, und immer höher schlugen die Flammen der Begeisterung. Als am 17. März König Friedrich Wilhelms »Aufruf an mein Volk« erschien, da strömten die Freiwilligen in immer größeren Scharen dem preußischen Adler zu, und es gab wohl kaum eine Familie, die nicht an Blut und Gut ihr Opfer dem Vaterland darbrachte. Und ein hartes, schweres Ringen um die Freiheit hub an. Die Völker vereinten sich, um Napoleons Joch abzuschütteln, doch der hatte nach der russischen Niederlage rasch neue Kräfte gesammelt. Ihn kümmerte es wenig, daß Frankreich selbst kriegsmüde und tief erschöpft war, er wollte nur seinen maßlosen Ehrgeiz befriedigen. Überall ließ er neue Soldaten ausheben, blutjunge Burschen mußten eintreten, und viele, viele Deutsche wurden wieder zum Kampf gegen die deutschen Brüder gezwungen. Das unglückliche Sachsen wurde zum Schauplatz des Krieges, sein König mußte Napoleons Bundesgenosse bleiben, der in Dresden residierte. Das Volk mußte namenlose Opfer aufbringen, das Landvolk namentlich war ganz der Willkür der Franzosen preisgegeben, und in Dresden und Leipzig lagen nach den Schlachten bei Großgörschen und Bautzen Tausende von Verwundeten. Die Lebensmittel wurden immer knapper, immer teurer, und in vielen Häusern, in denen einst blühender Wohlstand geherrscht hatte, war bittere Not eingekehrt.
Auch in dem Hause Meister Käsmodels sah es trübselig genug aus, und der Meister sagte manchmal: »Es ist keine Freude, Bäcker zu sein, wenn das Brot so sündhaft teuer ist.« Die Meisterin ging still und bedrückt einher. Sie zagte und bangte um den fernen Sohn. »Er steht bei den Feinden,« klagte sie oft.
»Er kämpft für die gerechte Sache,« sagte der Mann dagegen. Dieser einfache, schlichte Mann erkannte in dieser Zeit klarer als mancher gelehrte Würdenträger, wo das Heil für Deutschland lag, und so sorgenbeschwert ihm auch das Herz war, er hoffte doch unverzagt und gläubig, daß es den Verbündeten gelingen würde, das Land von der Fremdherrschaft zu erlösen.
Freilich der Sommer 1813 ging ins Land und wandelte sich zum Herbst, und noch immer schwankte die Wage hin und her. In einem langen Waffenstillstand suchte Napoleon von Dresden aus sein Heer zum entscheidenden Kampfe zu rüsten, aber seine Gegner waren in dieser Zeit nicht müßig gewesen: dem russisch preußischen Bündnis hatten sich Österreich und Schweden zugesellt. England gab Gelder her, und als sich im Oktober auf den weiten Ebenen um Leipzig herum die Völker zur entscheidenden Schlacht sammelten, da beseelte eine stolze Zuversicht die Führer der verbündeten Armeen.
Im grauen, feinen Regendunst sah Gottlieb Käsmodel seine Vaterstadt am Morgen des 16. Oktober zum erstenmal wieder. Als Feind stand er draußen vor den Toren, und wie er, so fragten sich zitternd die Bewohner der bedrohten Stadt: »Was wird unser Schicksal sein?«
Nebeneinander standen die Freunde an diesem Morgen. Der Frühling und Sommer dieses harten Jahres hatte in ihre jungen Gesichter tiefe Spuren gegraben, sie hatten im Schlachtenlärm gestanden, hatten Kameraden fallen sehen, hatten allen Jammer des Kriegs erlebt. Das hatte Gottlieb Käsmodels Knabenübermut gedämpft und Raoul noch stiller und ernster gemacht. »Wenn's zu einem Sturm auf Leipzig kommt!« murmelte Gottlieb und starrte in die Ferne, wo er ganz zart im Grau die vieltürmige Stadt liegen sah.