Raoul atmete schwer, auch seine Gedanken kreisten in dieser Stunde um das Bäckerhaus, in dem es ihm so wohl gewesen war. »Wir müssen unsere Pflicht tun,« sagte er herb und sah den Freund an. Der nickte: »Wir müssen durch — wenn ich nur wüßte, wie's drinnen aussieht!«
Seit Wochen fehlte den beiden jede Nachricht von dort, und drinnen weinte um diese Stunde die Meisterin in nicht enden wollendem Leid. »Mein Gottlieb, mein Gottlieb, wie mag's ihm ergehen! Nun steht er wohl draußen als Feind.«
Das kleine Minchen, das mit seinen fünf Jahren noch nicht den Ernst der Stunden erfaßte, hob plötzlich sein Fingerchen: »Mutter, das bummst so! Der liebe Gott donnert.«
Dumpf dröhnte und hallte der Kanonendonner über Leipzig hin, und im weiten Kreis um die Stadt herum raste der Kampf. Am Mittag wurde es stiller, und dann plötzlich fingen von den Türmen die Glocken zu läuten an, Sieg, Sieg!
»Herrgott,« schrie der Meister Käsmodel verzweifelt auf, »der Bonaparte hat wieder gesiegt! Verloren die gerechte Sache!«
Doch das Siegesläuten verstummte; nur ein Scheinsieg war es gewesen, den die Franzosen allzu schnell verkündet hatten: der alte Löwe Blücher hatte Bonaparte seine Klauen gezeigt und ihm schwere Wunden beigebracht.
Es waren fürchterliche Tage für Leipzig. Blutrot flammte der Himmel über der Stadt: es war der Widerschein der brennenden Dörfer ringsum. Die Straßen hallten wider vom Wehgeschrei der Verwundeten, die in Scharen in die Stadt hineinströmten, und Geschützwagen rasselten eilig dazwischen. Die öffentlichen Gebäude und Kirchen waren in Spitäler verwandelt worden. Am 17. Oktober, einem Sonntag, riefen die Glocken nicht wie sonst die Bewohner zur Kirche. In dumpfer Angst blieben alle in ihren Häusern. Wer nicht mußte, wagte sich nicht auf die Straße hinaus, viele verkrochen sich in die Keller und verrammelten Türen und Fenster ihrer Häuser. Am 18. Oktober stieg die Sonne in feuriger Glut über der Stadt und der weiten Ebene empor und bestrahlte den mörderischen Kampf dieses Tages. Zu Tausenden bedeckten Sterbende, Tote, Verwundete die Felder um Leipzig, wie Fackeln brannten die Dörfer, das Rollen und Donnern der Geschütze tönte unablässig fort, und die Bewohner von Leipzig sahen in dumpfer Verzweiflung ihrem völligen Untergang entgegen.
»Die Stadt wird gestürmt, die Stadt wird geplündert! Nun müssen wir das Bündnis mit Frankreich büßen, an dem wir schon so viel gelitten haben,« klagten die Bürger.
Dann flog plötzlich der Ruf durch die Stadt, wie ein Erlösungsschrei klang es: »Die Sachsen sind zu den verbündeten Heeren übergegangen.« Und als der Abend kam, drängten die fliehenden Franzosen in Scharen in die Stadt hinein und flohen in wilder Hast dem Ranstädter Tore zu, und Napoleon ließ die andern Tore noch verteidigen, um den Resten seiner Armee den Rückzug zu decken.