»Aber Sie sind verwundet, Herr Baron!«
»Was schadet das! Ein Streifschuß nur. Es war eine böse Sache heute am Grimmaischen Tor, nur« — der Freiherr stockte — »Hunger habe ich!«
»Hunger? Kommen Sie herein, schnell, schnell,« drängte der Meister, »meine Frau soll für Sie sorgen, und allweil schaffe ich einen Wagen herbei.«
Nach wenigen Minuten saß der Freiherr in der Backstube, in dem Raum, in dem seine Schwägerin so oft mit ihrem Sohn sich an kalten Winterabenden erwärmt hatte, und die Meisterin gab ihrem Gast, was sie nur hatte. Ihr flossen die Tränen im Leid um ihren Sohn, und die gemeinsame Sorge knüpfte rasch ein festes Band um die einfache Frau und ihren vornehmen Gast. Der sagte: »Ich kann's Raoul nicht verdenken, daß es ihm hier wohl war,« und die Meisterin gab schlicht zur Antwort: »Wir haben ihn alle lieb.«
»Is Raoul totgeschoßt?« fragte Minchen weinerlich am Knie der Mutter, und die seufzte schwer: »Wo mag er sein? Und wird mein Gottlieb noch leben?«
Nach einer Stunde kehrte der Meister zurück, es war ihm nicht leicht geworden, einen Wagen aufzutreiben, und als er ihn hatte, wäre er ihm noch beinahe auf der Straße von preußischen Soldaten fortgenommen worden; nur der Hinweis, der Wagen solle Verwundete holen, hatte geholfen.
Ein mühsames Fahren war es durch die überfüllten, schlecht beleuchteten Straßen. Am Halleschen Tor staute sich wieder die Menge, und wäre Herr von Steinberg nicht mit gewesen, dann hätte der Meister nie das Ziel erreicht. Endlich, die Nacht war schon hereingebrochen, gelang es den beiden, mit ihrem Wäglein hinauszukommen, und der Meister, der wegkundig war, fuhr in einem Bogen nach Gohlis hin. Es war eine schauervolle Fahrt. Noch glühte der Himmel rot, da und dort brannte es noch in weitem Umkreis in den Dörfern. Überall lagen Verwundete, Sterbende, Tote, Jammerrufe durchhallten die Nacht, und dann huschten Lichtlein hin und her, Wagen rasselten dumpf über die Felder, die Verwundeten wurden geborgen. Es war auch schwer, die Scheune nach Raouls Angaben zu finden in der Nacht: da war eine und da drei und da ein Trümmerhaufen, auch Bäume standen da und dort, und Verwundete lagen unter jedem Dach, und alle flehten um Wasser, baten mitgenommen zu werden.
Der Meister hatte vorsorglich die letzten zwei Flaschen Wein, die er besaß, und Brot mitgenommen, und er teilte aus bis auf einen Rest. »Der muß für meinen Jungen bleiben, aber die da jammern, haben's allweil so nötig,« meinte er.
Schon graute leise der Morgen, als die beiden endlich die Scheune entdeckten, die drei Bäume daneben und ein paar Schritte weiter einen schmutzigen, kleinen Tümpel. »Dort ist's,« riefen beide zu gleicher Zeit, lenkten den Wagen darauf zu und sprangen ab. Seltsame Töne klangen ihnen entgegen, als sie die Scheune erreicht hatten, und unwillkürlich blieben beide stehen. Drinnen sangen zwei, eine helle, durchdringende Stimme war es und eine, die tiefer klang, und in den grauenden Tag hinaus tönte es:
»Doch Brüder sind wir allzusamm',
Und das schwellt unsern Mut,
Uns knüpft der Sprache heilig Band,
Uns knüpft ein Gott, ein Vaterland,
Ein treues deutsches Blut!«