Vorläufig kam der lange Student in die Kammer und in Raouls Bett, der dritte wurde noch unten untergebracht; es war auch ein junger Bursch, doch ihn hatten die feindlichen Kugeln zu schwer getroffen, er war nur in das Haus gekommen zu einem friedlichen Sterben.

Herr von Steinberg mußte, so voll das Haus schon war, im Bäckerhause im Quartier bleiben, bis seine leichte Wunde geheilt war. Er war froh darüber, denn alles war überfüllt, und es war schwer, nur ein Bett zu finden. Er benutzte die Zeit, um nach seinem Sohn und nach Raoul zu forschen. Joachim sei gefallen, sagten ihm seine Kameraden; das Regiment aber, bei dem Raoul stand, war wirklich, wie der Student gesagt hatte, weitergezogen. Jemand in den Lazaretten während dieser schlimmen Tage zu suchen, war fast unmöglich, Meister Käsmodel aber wußte einen guten Führer. Karl Wagner, der um seines Gebrechens willen nicht hatte mitziehen können, hatte sich als Pfleger gemeldet. Der kleine Schreiber war auch einer von jenen, deren stilles Heldentum unbemerkt bleibt; ihm dankte nur mancher erlöste Blick der Verwundeten, deren Leiden er nach Kräften milderte. Mit Hilfe dieses treuen Freundes von Raoul gelang es dem Freiherrn wirklich, seinen Sohn zu finden. Er lag mit vielen andern in der Kirche von St. Nikolai, er hatte eine schwere Wunde im Rücken erhalten. Mit einer kleinen Abteilung war er bereits am Morgen des 16. Oktober in einen Hinterhalt gefallen und von rücklings niedergeschossen worden, die große Schlacht war dann an ihm vorübergerauscht, er war gar nicht zum Kampf gekommen.

»Ich habe nicht einmal meinen Säbel gezogen, Vater,« klagte er bitter, als der Freiherr ihn fand, »so mußte ich fallen, so, ich, ein Steinberg, so ruhmlos untergehen.«

»Es kann in dieser Zeit nicht jeder sich als Held hervortun, mein Junge,« tröstete ihn der Vater, »du hast deine Pflicht getan, was willst du mehr? Bist du ausgezogen um des Ruhmes willen, oder weil des Vaterlandes Not dich bewegte?«

Da schwieg Joachim, nur sein schweres Stöhnen verriet dem Vater, wie sehr doch das heiße, junge, ehrgeizige Herz litt.

Im Bäckerhause war inzwischen Platz geworden, und Meister Käsmodel holte sich eines Tages selbst Joachim aus dem Spital, und Herr von Steinberg dankte es ihm warm, denn in den Spitälern rafften Fieber und andere ansteckende Krankheiten viele hinweg, und Joachims Wunde war schwer, sie bedurfte langer, sorgsamer Pflege. Joachim sträubte sich nicht, er fühlte wohl, wie gut es ihm war, daß er aus der kalten, von Fieberdünsten erfüllten Kirche herauskam, aber als er dann in Raouls Kammer, in des Vetters Bett lag, Gottlieb Käsmodel als Stubengenossen, da brach er in ein wildes Weinen aus. Er kam sich auf einmal tief, tief gedemütigt vor: er, der von Heldentaten geträumt hatte, mußte hier in dem Hause liegen, über dessen Bewohner er oft so hochmütig gespottet hatte, und die ihm nun so viel Liebe und Güte erwiesen.

Die Meisterin wollte mitleidig trösten, der Freiherr bat sie aber: »Lassen Sie ihn jetzt allein, er wird schon zu sich kommen.« Das klang schmerzlich, und Joachim hörte es wohl, und er schämte sich seiner kleinlichen Empfindungen, er wurde aber wieder einmal nicht Herr über sich selbst.

Man ließ ihn allein, nur Gottlieb schaute von seinem Bett aus unverwandt zu dem neuen Kameraden hinüber. Also das war der Joachim, auf den er aus lauter Freundschaft für Raoul oft heftig gescholten hatte! Jetzt fühlte er aber gar keinen Groll gegen ihn, und so sagte er aus tiefstem Herzen heraus: »Heul' nur feste weiter! Als Raoul mich in die Scheune geschleppt hatte, und ich von drinnen das Geknatter hörte, da habe ich auch geheult vor lauter Wut, weil ich nicht mehr dabei sein konnte, nachher habe ich aber gesungen!«

Joachim hob ein wenig den Kopf, ganz jäh überkam ihn plötzlich das Bewußtsein, daß er nur einer unter vielen war, daß Tausende litten wie er. »Du bist Gottlieb,« murmelte er und fand das brüderliche Du, das Gottlieb angeschlagen hatte, selbstverständlich. »Wie bist du verwundet worden?«

Gottlieb stützte sich ein wenig auf seinen Arm und erzählte. »Ich hatte ja gedacht, mich würde der Blücher mindestens selbst loben; aber weißt du, ich hab's schon in Breslau gemerkt, daß man auch nicht mehr ist wie — wie 'n einzelnes Brot im vollen Backofen.«