Nach der großen, blutigen Schlacht auf Leipzigs Feldern kam der ersehnte Friede immer noch nicht über die Lande, nur zog sich der Krieg nach Frankreich hin. Der Marschall Vorwärts überschritt in der Neujahrsnacht den Rhein, und am 31. März zogen, nach mancher blutigen Schlacht auf Frankreichs Boden, die verbündeten Heere in Paris ein, und auch dort begrüßte das Volk den Kaiser von Rußland und den König von Preußen als seinen Befreier. Napoleon wurde seines Thrones für verlustig erklärt, nach Elba gebracht, und am 30. Mai kam der erste Friede von Paris zum Abschluß. Die Völker atmeten auf; für eine Weile war Ruhe eingekehrt, und niemand ahnte, daß noch ein schweres Ringen bevorstand, ehe sich für viele Jahre der Friede über die Lande breiten konnte.
Von den Steinbergs kam nur Raoul nach Paris. Sein Oheim blieb bei den Truppen im Lande, und Joachim konnte nicht mehr mitziehen. Raoul hatte sich tapfer geschlagen, hatte einige leichte Wunden davongetragen und war auf dem Schlachtfeld zum Leutnant befördert worden. Trotz allem Siegesjubel ringsum war ihm das Herz aber doch schwer, als er an einem der ersten Apriltage durch die Straßen von Paris ritt. Ihm fehlte jede Nachricht von den Freunden daheim, er wußte nicht, was aus Gottlieb geworden war, nichts von allem, was nach den heißen Tagen bei Leipzig geschehen war. Er hatte sich nach dem Palais des Grafen Turaillon, seines Oheims, erkundigt, denn auf einmal sehnte er sich darnach, das Haus zu sehen, in dem seine Mutter ein paar Kinderjahre verbracht hatte. Vor dem zierlichen, im Rokokostil erbauten Schlößchen, das inmitten eines weiten Gartens lag, dessen Wege von hohen Taxuswänden begrenzt wurden, stand ein preußischer Soldat Wache; ein paar hohe Offiziere bewohnten jetzt das Haus. Als Raoul einen vorbeieilenden Diener nach dem Besitzer fragte, erhielt er zur Antwort, daß der Graf schon lange auf dem Lande weile, er sei im Groll vom Hofe Napoleons geschieden.
Träumerisch schaute Raoul durch das offenstehende Tor in den Garten hinein und dachte: Ich könnte jetzt der Erbe von allem sein! Aber kein Bedauern überkam ihn, daß er es nicht war, und seine Armut dünkte ihn nicht schwer zu tragen. Er freute sich aber über des Onkels Scheiden von Napoleons Hof, und fast bedauerte er, daß er ihn nun nicht sehen konnte: er war doch der geliebten Mutter Bruder. Wie er so in Sinnen verloren stand, kamen zwei junge Offiziere aus dem Haus heraus. Sie schauten ihn prüfend an, und der eine rief überrascht: »Da ist er doch, wir haben hier doch recht gesucht!«
Erstaunt sah Raoul auf, und er mußte erst ein paar Sekunden nachsinnen, ehe er in dem langen, blonden Menschen Arnold von Berkow wiedererkannte. Er wich unwillkürlich zurück, ihm kam der Gedanke an die erlittenen Kränkungen, und sein Gesicht wurde finster. Doch der andere kümmerte sich nicht darum, er streckte ihm freimütig die Hand hin: »Wir haben dich gesucht, Raoul, wie eine Stecknadel, den ganzen Feldzug durch. Vor ein paar Tagen hatte ich von Achim einen —«
»Lebt er?« rief Raoul rasch.
»Ja, er lebt,« sagte Arnold von Berkow und schob seinen Arm in den Raouls. »Komm mit, ich erzähle dir alles. Laß die alte, dumme Feindschaft ruhen, wir Tugendbündler waren damals recht dumme Jungen, und Gottliebe hatte recht: du warst der Verständigste von uns allen, du wärst der beste Tugendbündler gewesen. Übrigens, ich trage seit Wochen einen Brief von Gottliebe an dich in der Tasche; die Mariellen denken, im Krieg trifft man sich wie auf den Gassen von Langenstein.«
»Und mich kennst du wohl gar nicht mehr?« fragte der andere, »war doch auch ein Tugendbündler!«
»Oswald Hippel,« rief Raoul, »doch wo ist Fritz —?«
»Der blieb bei Leipzig,« sagte Arnold trübe, »da sind so viele geblieben. Es ist fast ein Wunder, wenn man noch jemand wiederfindet. Aber dein Gottlieb lebt!«
»Er lebt?« Raouls Augen leuchteten. »Sag, woher du es weißt!«