»Kommt alles nach und nach, und Gottliebes Brief bekommst du auch. Die hat geschrieben, sie ist mir ewig böse, wenn ich dich nicht ausfindig mache. Aber was will der Kerl da?«

Ein hagerer, verkommen aussehender, zerlumpter Mensch drängte sich an die jungen Leute heran und flehte: »Ein armer Landsmann bin ich, halbverhungert.«

»Neumann,« rief Raoul von Steinberg und starrte dem Bettler ins Gesicht. Eine fliegende Röte huschte über dessen Wangen, scheu sah er den fremden Offizier an, es war ihm wohl nicht angenehm, bei seinem Namen genannt zu werden. »Paul Neumann,« sagte Raoul noch einmal, der seinen einstigen Peiniger gleich erkannt hatte.

Auch der hatte nun Raoul erkannt. Erschrocken taumelte er zurück, und ganz plötzlich kehrte er sich um und rannte mit schnellen Schritten wie gejagt davon, die Straße entlang, um eine Ecke herum, und noch ehe die drei die Sache recht erfaßt hatten, war er verschwunden. »Ich erzähl' euch auch nachher von ihm,« sagte Raoul, »ihn trieb wohl sein schlechtes Gewissen weg. Er war einer von Napoleons Bewunderern, das scheint ihm aber nicht gut bekommen zu sein.«

»Nein,« meinte Oswald Hippel, »jämmerlich genug sah er aus!«

Die drei sprachen aber nicht weiter von der Begegnung, sie hatten sich Wichtigeres zu erzählen, und bald saßen sie so einträchtig wie nie vorher in Arnolds Quartier, und der berichtete, daß sie das Palais des Grafen bereits zum drittenmal aufgesucht hätten, weil sie hofften, Raoul würde sich dort nach seinem Oheim erkundigen. »So wunderbar ist unser Zusammentreffen also nicht,« sagte Arnold, »viel wunderbarer ist's, daß die Steinbergs und Käsmodels sich zusammengefunden haben, und daß Joachim in deinem Bett gesund geworden ist.«

»Joachim?« fragte Raoul überrascht, »ist er bei Leipzig verwundet worden?«

Arnold erzählte, in dem großen Wirrsal nach der Schlacht habe er Joachim nicht gesehen, aber später in Frankfurt Herrn von Steinberg getroffen und von diesem alles erfahren. Er habe auch vor kurzem erst Briefe aus der Heimat erhalten. Joachim war wieder in Hohensteinberg und Gottlieb mit ihm, sie mußten sich beide noch von einem sehr langen, schweren Siechtum erholen und hatten beide nicht mehr zu ihren Regimentern zurückkehren können.

Gottlieb in Hohensteinberg! Es kam Raoul fast wie ein Traum vor, und dann ergriff ihn eine solche Sehnsucht, alles zu wissen, von allem einzeln zu hören, daß er Arnold mit einer förmlichen Flut von Fragen überschüttete. Der rief in heller Verwunderung: »O Raoul, so hast du früher nie reden können!«

»Habt ihr mich denn reden lassen?« antwortete der halb lachend, halb traurig, »aber nun laß mich dafür nicht warten, erzähle, erzähle!«