Die Seinen saßen alle vor dem Schloß und schauten, wie so oft in diesen Tagen, die schattige Allee entlang, und Gottliebe, die auf den Stufen vor dem Hause saß und mit nimmermüden Händen die ersten Frühbohnen schnitzte, sagte einmal wieder: »Ich könnte platzen vor Ungeduld. Warum Raoul nur noch immer nicht kommt!«
Arnold von Berkow und Oswald Hippel waren bereits heimgekehrt, Raoul aber war noch in Leipzig geblieben, und wurde nun jeden Tag auf Hohensteinberg erwartet. Des Posthalters Wäglein stand immer bereit, ihn gleich nach dem Gute hinauszufahren.
Gottlieb Käsmodel lachte. »Ja, mein Leipzig, das zieht halt den Raoul an sich!«
»Du mit deinem Leipzig,« rief Gottliebe schmollend, »sag es doch endlich einmal, daß es in Hohensteinberg schöner ist.«
»Nun geht der Streit schon wieder los. Ihr seid ja schlimmer als Bonaparte,« rief Joachim lachend. Der saß neben der Großmutter auf der Bank. Er war noch immer bleich, war noch immer nicht im Vollbesitz seiner Jugendkraft, aber seine Augen schauten viel heiterer drein, und nicht mehr wie einst überschattete so oft finstrer Trotz sein hübsches Gesicht.
Die andern lachten auch; der Streit zwischen Gottliebe und Gottlieb über die Vorzüge von Stadt und Land wollte nie ruhen, es gab immer wieder ein lustiges, neckendes Wortgeplänkel zwischen den beiden, das ihrer Freundschaft aber nie Abbruch tat.
»Ich bleib' dabei,« rief Liebe schelmisch und warf ihrem guten Kameraden und Namensvetter eine Bohne an die Nase, »daß es auf dem Lande am schönsten ist. Puh, gräßlich muß es sein, in einer dunklen Stadt zu wohnen. Da rennt man immer an die Häuser an, sieht nie Feld und Wald, und wenn man Brot essen will, muß man erst zu Herrn Meister Käsmodel gehen und eins kaufen; wir backen es uns allein!«
»Das ist gerade fein,« rief Gottlobe, »da kann man nicht unversehens einen Scheffel Mehl über den Kopf bekommen, wie ihn mir neulich Jungfer Rosalie übergestülpt hatte. Ich möchte gleich in einer Stadt wohnen.«
»Der Herr Pfarrer soll entscheiden, ob es in der Stadt besser ist als auf dem Lande,« rief Gottliebe und wandte sich bittend dem alten Freunde und Lehrer zu, der just zu ihnen trat. Ihm war das Haar völlig gebleicht in den letzten Jahren, wie Silber lag es aus seinem Haupt, seine Augen blickten mild und gütig wie immer auf die Jugend, die so heiter, den blühenden Blumen gleich, im Sommersonnenglanz dreinsah. »Ich werde nichts vom Lande und nichts von der Stadt sagen,« antwortete der Pfarrer fröhlich, »denn in einer Minute würdet ihr mir doch alle nicht mehr zuhören. Wollt ihr nicht sehen, wer dort kommt?«
Aller Blicke wandten sich der Allee zu. »Raoul!« schrie Gottliebe auf, und die Bohnenschüssel fiel krachend zu Boden, und »Raoul!« tönte es vielstimmig nach. Gottliebe aber raste dem jungen Offizier, der mit raschen Schritten den schattigen Weg entlang kam, entgegen. Doch plötzlich blieb sie betroffen stehen und fragte fast zaghaft: »Bist du das wirklich, Raoul?«