„Nein, davon nicht, aber eine von einem Karussell will ich euch erzählen,“ sagte Eva, „und so lang ist sie, wie sie lang ist. Also hört!“
„Es war einmal eine alte Frau. Die besaß ein Karussell. Das war ihr einziger Besitz. Damit mußte sie für sich und ihre drei Enkelkinder den Lebensunterhalt erwerben. Nun war das aber kein großes, schönes Karussell, sondern ein kleines, altes Ding, verschlissen und wacklig. Und wenn die Frau damit auf die Messe oder auch nur auf einen Jahrmarkt kam, da lachten die Leute, und niemand wollte auf dem alten Karussell fahren. Die Kinder spotteten, nannten es den alten Klapperkasten und gingen lieber zu den großen, neuen Karussells. Da hatte denn die arme Frau nur immer geringe Einnahmen, und wenn es auf dem Jahrmarkt recht lustig zuging, dann saß sie manchmal mit ihren Enkelkindern traurig im Winkel, und der Hunger quälte sie. Sie sah, wie sich die andern Karussells lustig drehten, wie sie gar nicht leer wurden, und ihr kleines, schäbiges Karussell stand da, und niemand mochte damit fahren.
Einmal, es war auf einer großen Messe —“
„Hier in Leipzig?“ fragte Peter eifrig.
„Ja, es kann sein, daß es in Leipzig war, genau hat dies der Mann, der meiner Großmutter die Geschichte erzählt hat, nicht gesagt, wo es war. Also, die alte Frau war wieder einmal auf einer großen Messe. Gerade neben der Kasperlebude stand ihr Karussell, und es ging, wie es immer ging. Kleine und große Leute liefen an ihr vorbei, Lust zu fahren hatten nur wenige. Ich werde mein liebes, altes Karussell als Brennholz verkaufen müssen, dachte die Frau traurig, und dann kann ich mit meinen drei Enkelkindern betteln gehen. Was soll ich nur anfangen in meiner großen Not!
Es war gerade Sonnabendnachmittag, als die Frau Katharina so verzweifelt neben ihrem Karussell saß. Viele Leute waren auf der Messe, überall war es voll, nur sie hatte noch nicht einen einzigen Groschen eingenommen. Und morgen war der letzte Sonntag; dann konnte sie wieder zusammenpacken und mit ihrem grünen Wäglein, den ein altersschwaches, mageres Pferdchen zog, und ihren Enkelkindern in die weite Welt hinausziehen.
Wie die Frau so trübe vor sich hinsann, hörte sie plötzlich neben sich den Kasperlemann furchtbar schreien. Das war ein grober Kerl, der keinem Menschen ein gutes Wort gönnte. Mit allen Meßleuten stritt und zankte er sich. Vor seiner Bude aber war es immer voll, denn der Mann hatte ein so drolliges Kasperle wie keiner sonst. Selbst alte, würdige Leute blieben vor der Kasperlebude stehen, und sie lachten manchmal wie noch nie in ihrem Leben über den kleinen Hopsassa. An diesem Nachmittag nun war das Kasperle auf einmal verschwunden, und sein Besitzer schrie, es sei ihm gewiß gestohlen worden.
Doch es war niemand in der Bude gewesen, denn die hielt der Mann immer sorgsam verschlossen. Auch hatte er die ganze Zeit auf einer Bank daneben gesessen und sich über die vielen Leute gefreut, die alle auf den Anfang vom Kasperlespiel warteten. Wer sollte also das Kasperle gestohlen haben?
‚Es liegt vielleicht irgendwo in einer Ecke,‘ riefen ein paar Buben. ‚Wir wollen suchen helfen.‘
Doch davon wollte der grobe Kerl nichts wissen. ‚Bleibt draußen,‘ schrie er, ‚ich suche ihn allein, er muß doch da sein!‘