Aber Kasperle war nicht da.

Sein Besitzer suchte die ganze Bude um und um, er fluchte und schrie; dies half aber gar nichts, das drollige Kasperle war und blieb verschwunden.

Die Leute draußen murrten: ‚Ohne Kasperle gibt es keinen Spaß, dann gehen wir lieber wieder.‘ Und nach und nach wurde es leer vor der Bude, nur ein paar Kinder standen noch und warteten; vielleicht kam ihr kleiner Freund doch wieder. Sie warteten aber vergeblich, und schließlich liefen sie auch fort, und da schloß der Mann seine Bude zu und rannte weg. Er wollte sich irgendwo ein anderes Kasperle holen; am liebsten aber hätte er alle Meßbuden eingerissen, so wütend war er.

Die ganze Zeit über hatte die kleine Karussellfrau still dagesessen und immer nur daran gedacht, wie sie am Abend ihre Enkelkinder satt machen könnte. Es wird nichts helfen, dachte sie, ich werde meine Nachbarn bitten müssen, mir einige Groschen zu leihen. O wie bitter ist das, wie schwer habe ich es doch im Leben!

In diesem Augenblick war es ihr, als höre sie ein leises Flüstern, oder war es ein Vogel, der sang, oder ein Mäuslein, das pfiff? Sie schaute sich um, und da sah sie zu ihrem Erstaunen das vermißte Kasperle auf ihrem Karussell sitzen. Es bammelte mit den Beinchen und tat ganz so, als wäre es keine Holzpuppe, sondern ein richtiges, lebendiges Kasperle.

‚Du, schrei nicht, sei ganz still! Der drüben darf mich nicht sehen.‘

Wirklich, das sagte das Kasperle, die Karussellfrau verstand es ganz deutlich. Und nun sah sie auch, wie des Kasperles Augen funkelten; wie zwei kleine, schwarze Stecknadelköpfe glitzerten sie.

‚Lieber Himmel! Du bist wohl lebendig?‘ fragte die Frau erschrocken.

‚Schwipp schwapp! Freilich bin ich lebendig! Ganz und gar bin ich ein richtiges Kasperle aus der Familie Schnurzelpurzelwuppdiwupp. Schrei nur nicht, Karussellfrau, sei ganz stille, es darf niemand wissen, wo ich bin.‘

Die gute kleine Frau konnte gar nicht schreien, sie war viel zu erstaunt über den wunderfitzigen kleinen Kerl, und der wartete auch gar keine Frage von ihr ab. Der redete weiter und erzählte, drüben der grobe Kerl hätte ihn seinem eigentlichen Herrn und Meister, einem weltberühmten Puppenspieler, gestohlen. ‚Ich war dem sein Liebling,‘ klagte Kasperle, ‚er nannte mich immer sein Zuckerherzele, und ich hatte ein seidenes Bettchen bei ihm, und immer wieder zog er mir neue, schöne Kleider an. Dieser Mann hatte mich von seinem Großvater geerbt, der noch wußte, wo wir echten, richtigen Kasperle herkommen. Ich bin schon seit mehr als hundert Jahren auf Messen und Märkten herumgezogen, habe viel von der Welt gesehen, bin immer sehr geehrt worden, aber ach! ich hätte nie gedacht, daß es einem armen Kasperle so schlecht gehen könnte wie mir. Drüben, dein Nachbar, Karussellfrau, das ist ein böser Mann. Der weiß wohl, daß ich lebendig bin, und da quält er mich, wenn wir allein sind. Er sperrt mich in einen dunklen Kasten ein mit Mäusen zusammen, und er weiß doch, wie sehr ich mich vor Mäusen fürchte. Auch einen Hund hat er mit scharfen Zähnen, und oftmals nimmt er mich und wirft mich in eine Ecke; dann muß mich der Hund holen, und ich zittere immer, daß mich der zerbeißt.‘