Und wer das hörte, rannte hin und fuhr auch, und am Abend war Hansens Hut voll Geld, und für eine Weile hatte die bittere Not ein Ende.
‚Großmutter Karussellfrau,‘ wisperte Kasperle, ‚schick erst die Kinder schlafen, die dürfen mich nicht sehen; Kinder haben Plappermäulchen, die verraten mich sonst, und dem Schnauz da drüben ist doch nicht zu trauen.‘
Am nächsten Tag kamen wieder viele Leute, die mit dem lustigen Karussell fahren wollten. Hansens Hut wurde zweimal schwippvoll. Schnauz lief bellend immer rundherum, Kasperle fand er aber nicht. Der grobe Nachbar ärgerte sich, doch das half ihm nichts; sein echtes Kasperle war und blieb verschwunden.
Fortan zog nun Zuckerherzele mit Frau Katharina von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, von Stadt zu Stadt. Sie kamen in fremde Länder, und immer sahen die großen und kleinen Leute zuerst verächtlich auf das wackelige, alte Karussell, und manchmal sagten sie auch: ‚So etwas sollte man doch gar nicht mehr aufstellen!‘ Wenn aber dann die Töne hüpften und kicherten, dann wurden selbst die verdrießlichsten Griesgrame lustig und lachten; sie wußten freilich nicht, warum sie so vergnügt wurden.
Ein paar Jahre waren vergangen. Frau Katharina war nun keine arme Karussellfrau mehr, sie hatte sich ein stattliches Sümmchen erspart, und sie dachte manchmal: Es wäre wohl gut, wenn ich jetzt immer an einem Ort bliebe, damit die Kinder ordentlich in die Schule gehen könnten. Doch der Gedanke, sich von ihrem Karussell und gar von Zuckerherzele zu trennen, wurde ihr zu schwer. Einmal kam nun Frau Katharina auf ihrer Wanderung auch in eine Stadt hoch oben im Norden, in der sie noch nie gewesen war. Eine uralte Stadt war es mit dicken Mauern, riesengroßen Kirchen, eine Stadt, in der alles ein bißchen eingeschlafen zu sein schien. Selten öffnete sich eine der schweren alten Haustüren, selten ging ein Mensch durch die engen, düsteren Gassen.
Als der grüne Wagen in die Stadt einfuhr, liefen wohl die Kinder zusammen, aber man merkte es gleich, die hatten so etwas noch nie gesehen. Und ein Mann, der Frau Katharina beim Aufstellen half, erzählte ihr, es kämen selten Jahrmarktsleute zu ihnen. ‚In meiner Jugend, da war es lustiger,‘ sagte er. ‚Da gab es hier oft ein Kasperletheater, über das alle Menschen lachen mußten. Der alte Mann, dem es gehörte, der lebt noch hier, aber er spielt nicht mehr. Man sagt, sein Kasperle sei ihm gestohlen worden, und das sei ein echtes, lebendiges Kasperle gewesen. Na, ich begreif’s ja nicht, wie man sein Herz an so ’n Klapperbalg hängen kann. Au weh!‘ Der Mann faßte sich erschrocken an die Nase, denn eine von den dicken Perlen, die das Karussell schmückten, war ihm daran geflogen. ‚So was! Wo kommt denn die her?‘ brummte er unwirsch.
Die Karussellfrau aber sah, wie ihr Zuckerherzele mit einem bitterbösen Gesicht zum Musikkasten hinaussah. ‚Wart, du Grobian!‘ schalt er. ‚Ein echtes Kasperle ist kein Klipperklapperbalg, ich werde dir gleich eine ganze Troddel an deine dicke Nase werfen. Bimmelbammel! bin ich böse, hui!‘
‚Ich glaube, hier ist irgendwo ’n Vogel,‘ brummte der Mann. ‚Aber wissen Sie, Frau, schön ist ihr Karussell eigentlich nicht; na, für unsere Stadt mag’s gut sein.‘
Der Mann ging. Die Frau drehte das Karussell, es kamen auch Kinder und fuhren darauf, Frau Katharina jedoch dachte: Was macht nur mein Zuckerherzele, es klingt doch heute gar nicht so lustig wie sonst!
Sie ging und öffnete den Musikkasten. Da saß Kasperle, seine Beinchen hatte er um den Kopf gelegt, und sein kleines Gesicht sah ganz betrübt aus. ‚Karussellfrau,‘ sagte er, ‚es geht nicht mehr, ich muß fort.‘