An Dummheiten dachten die Sternbuben auch wirklich nicht; wenn sie mal ihre Nasen von den Büchern aufhoben, lachten sie sich an, und Mathes wußte, Peter denkt an die Reise, und Peter wußte dies ebenso von Mathes. Und kaum waren sie fertig, da redeten sie auch von der Reise. Und da jemand, der reisen will, einen Koffer haben muß, dachten die Buben auch an den Koffer. Sie hätten gern einen gehabt, der funkelnagelneu und blitzeblank gewesen wäre, doch ihre Mutter meinte, zwei Büble wie sie brauchten keinen neuen Koffer, oben auf dem Boden würde schon noch ein Köfferlein stehen, das gut genug für sie wäre.
Mina solle den Koffer herunterholen, verlangten die Buben. Doch Mina hatte keine Zeit, auch sagte sie: „Das hat noch gute Wege; ehe ihr reist, rinnt noch viel Wasser vom Berge, und der Koffer kann noch ein paar Tage auf dem Boden bleiben.“
Mina, die nie reiste, wußte eben nicht, was Reiseungeduld ist. Sie sah ihre Gurken an, die sie einlegen wollte, und ließ die Buben stehen. Doch die dachten, pah, ein Köfferle können wir uns allein vom Boden holen! Und weil gerade niemand auf das Schlüsselbrett achtete, an dem alle die großen, dicken Schlüssel des Hauses hingen, nahm Mathes flugs das rechte Bund, und beide erstiegen tatenlustig die Bodentreppe.
Das Sternenhaus war weitläufig gebaut. Es hatte viele Zimmer, Ecken und Winkel, und neben dem riesengroßen Wäscheboden gab es noch allerlei geheimnisvolle Kammern, in denen die Kinder gern etwas herumkramten. Urväterhausrat war da aufgehoben, Wertvolles und Wertloses stand da untereinander, und Staub gab es auch genug. Der focht die Buben nicht weiter an, sie stülpten alles durcheinander, guckten in alle Schränke und Kästen hinein und entdeckten endlich ein braunes Köfferlein und eine große, buntgestickte Reisetasche. Beides gefiel ihnen ungemein; namentlich die Tasche, auf der ein Haus, eine Kuh, Bäume und Rosen gestickt waren, fanden sie sehr schön, und sie beschlossen, Köfferlein und Tasche zu wählen. Es sah sie aber auch niemand ein Weilchen später mit Köfferlein und Tasche das Haus verlassen und das Löwengäßle entlang streichen.
Der Regen hatte aufgehört, der Himmel war wieder hell geworden, und in der Löwengasse tat sich eine Tür nach der andern auf, und große und kleine Leute spazierten aus den Häusern heraus. Mathes und Peter fanden bald ihre Kameraden. Alette Amhag und Trinle Grill kamen zuerst; die wollten Gundel besuchen und waren sehr betrübt zu hören, dies sei verboten. Sie lachten beide sehr über der Sternbuben Reisegepäck; das Köfferlein fanden sie schäbig, die Tasche altmodisch. Auch Veit und Steffen Grill, die sich bald dazu gesellten, lachten und sagten, schön wären Tasche und Koffer freilich nicht, aber sie reisten lieber damit als gar nicht.
„Sternbuben, wo soll’s denn hingehen?“ Vor den Kindern blieb ein kleines, schmales Frauchen stehen. Es war die Schwester vom Bäckermeister Hering, in der ganzen Nachbarschaft wurde sie das Bäckerfräulein genannt. Alle Kinder liebten sie sehr, und alle Kinder neckten sie, weil das Bäckerfräulein auf jeden Spaß hereinfiel und dann selbst so herzhaft darüber lachen konnte.
„Nach Leipzig fahren wir,“ schrien die Sternbuben stolz.
„Jemine, jetzt gleich?“
„Ja freilich, jetzt gleich!“
„In einer halben Stunde geht der Zug!“ rief Veit.