Übel genug war es Fritz von Ringewald gegangen. Er hatte sich mühsam durchgeschlagen, hatte Not und Sorge kennengelernt, und gerade als es anfing, ihm besser zu gehen, als er drüben in Amerika eine Stellung gefunden hatte, war das Heimweh so gewaltig über ihn gekommen, daß er es nicht mehr ausgehalten hatte. Mutter und Schwester hatte er sehen wollen, und dann hatte er doch nicht den Mut gefunden, vor sie zu treten. Arm und unberühmt, wie er gegangen war, kam er ja heim.
„Es ist ein rechtes Glück, daß ihr gekommen seid,“ schloß Hulda ihre Erzählung. „Und wenn ich gestern nicht deinen dummen Brief gelesen hätte, Mathes, wo drin stand, der Zigeuner sieht aus wie Tante Eva, dann säße der Junker Trotzkopf noch jetzt als Zigeuner verkleidet auf der Messe, und meine arme, liebe gnädige Frau grämte sich weiter. Na, ich sage nichts mehr gegen Jungenbesuch, meinetwegen könnt ihr alle Ferien kommen; mir soll’s nur recht sein.“
Das klang gut und verlockend. Auch sagte Hulda an diesem Abend noch allerlei liebe und freundliche Worte, erzählte von schönen Tagen, die noch kommen sollten, von viel Ferienfreude für Herz und Magen. Dann kam auch noch Tante Eva, küßte Mathes und Peter und nannte sie ihre lieben Trostbuben. Sie holte beide noch einmal zum Gutenachtsagen hinüber, und als die Buben dann wieder ihr Zimmer betraten, da lief trotz aller Freude dieses Tages doch das Heimweh geschwinde hinterdrein und setzte sich Mathes auf sein Herzelein, und dies nur, weil Mathes die Tante Pate so viel angesehen hatte, und dabei hatte er immerzu an seine Mutter denken müssen.
Warum Mathes auf einmal so widerborstig und schweigsam wurde an diesem Abend, begriff Hulda erst gar nicht. Er tat seinen Mund nicht mehr auf, knurrte, wenn Peter etwas sagte, und als Hulda, der die Trommel einfiel, ihn tröstete: „Morgen kriegst du eine andere,“ da murrte er: „Will keine!“
Unausstehlich war der Bub. Wenn Hulda nicht so glückselig gewesen wäre, dann hätte sie sich geärgert. So redete sie noch freundlich zu dem Murrkopf, als der schon im Bett lag, und fragte: „Hast noch Hunger? Tut dir was weh?“
„Noi — ich will heim!“
Hulda dachte an den Sohn des Hauses, den das Heimweh zurückgetrieben hatte, und sie strich dem betrübten Büble über das heiße Gesicht und erzählte ihm von der Heimreise und sagte: „Aber wenn du fährst, dann weine ich.“
Dies tröstete Mathes ungemein, und er meinte, auch er müßte Hulda etwas trösten; darum brummte er: „Morgen fahr ich doch noch net, sei nur net traurig!“
Vierzehntes Kapitel.
Letzte Tage.
Die Sternbuben fuhren noch manchen Tag nicht heimwärts. Sie verlebten noch helle Tage und auch etliche Regentage in dem großen Leipzig. Schön waren sie alle, wie Tage es nur sein können in einem Haus, in das die Freude eingekehrt ist. Und wenn eine Mutter sich freut über die Heimkehr eines verloren geglaubten Kindes, das ist dann eine ganz besondere Freude, eine, die auch andere froh macht.