„Wo?“ fragte Irene.
Sie sah die Straße entlang, doch von den drei guten Kameraden war nichts mehr zu erblicken; die rasten schon eine Seitenstraße entlang, bogen um eine Ecke, und da erst standen sie still und freuten sich, den beiden Zierpüppchen entwischt zu sein.
Im Zoologischen Garten wollten Mathes und Peter zuerst das Affenhaus sehen. Peter behauptete kühn: „Die freuen sich, die kennen uns wieder.“
Ob Löwen und Bären, Kamele und Elefanten die Breitenwerter Sternbuben auch wieder erkannten, war nicht genau zu unterscheiden, jedenfalls waren die drei Freunde sehr lustig mitsammen. Es war eigentlich ein Wunder, daß sie das Heimkommen zur rechten Zeit nicht vergaßen. Hulda redete gerade in der Küche von Zuspätkommen, so was täten Buben meist, als die Klingel ertönte. Die Buben waren da. „Wascht euch gut und geht hinein, es ist ein Gast da,“ flüsterte Ida ihnen zu.
Und als die beiden in das Speisezimmer traten, sahen sie zu ihrem Erstaunen Herrn Brummerjan am Fenster stehen. Neben ihm stand Fritz von Ringewald. Sein Gesicht war bleich, aber seine Augen leuchteten. Es war ein ernstes Aussprechen zwischen Onkel und Neffen gewesen, es war manch bitteres Wort gefallen, zuletzt hatte aber doch Herr Buchner dem Neffen die Hand gegeben und gesagt: „So geh denn deinen Weg! Ich hab’ es eingesehen, man soll niemand von einem Beruf abbringen, zu dem ihn seines Herzens Sehnsucht treibt.“
Er sagte nichts von dem großen Herzeleid, das Fritz durch seine Flucht Mutter und Schwester angetan hatte, er meinte auch im Herzen, es sei eine bittere Strafe für den Neffen gewesen, auf der Messe als Zigeuner verkleidet spielen zu müssen.
Ja, bitter war das gewesen und noch schwerer die Stunden, in denen Fritz von Ringewald nächtlich vor dem Hause gestanden hatte in Angst um die kranke Mutter. Wenn er aber jetzt in das blasse Gesicht der Mutter sah, dann dachte er doch, seine Strafe wäre noch zu leicht gewesen für all das Leid der gütigen Mutter. Er fühlte, er mußte ein sehr liebevoller Sohn sein, um seine Schuld wieder gutzumachen.
Von den ernsten Gesprächen und Gedanken merkten Mathes und Peter nichts. Die merkten nur die stille, selige Freude und fanden, Herr Brummerjan wäre wirklich kein Herr Brummerjan. Sehr lustig war er freilich nicht, aber er redete doch sehr freundlich mit ihnen, dachte sogar, sie gingen schon ins Gymnasium, während sie doch noch auf der Vorschule saßen, auch nannte er sie nicht Buben oder Jungen, sondern Knaben, und das fanden sie beide sehr vornehm. Er lud sie auch ein, ihn zu besuchen, und als er hörte, was sie alles schon gesehen hatten, erklärte er, dies wäre zu wenig, sie müßten noch viel, viel mehr sehen.
Damit waren nun Mathes und Peter sehr einverstanden. Wenn nur nicht die Ferientage davongelaufen wären wie Mäuse, wenn die Katze kommt. Wirklich, die Tage purzelten beinahe über ihre eigenen Beine vor Eilfertigkeit. Es war nur gut, daß die Tanten immer sagten: „Ihr müßt bald wiederkommen,“ und damit meinten sie die Buben und die Ferientage dazu.
Was gab es auch nicht alles zu sehen in der großen Stadt! Onkel Fritz sagte: „Einer großen Stadt muß man in das Herz sehen. Wenn man immer auf die Messe läuft und in den Zoologischen Garten, dann kennt man sie nicht.“ Er führte die Buben durch viele Straßen, über viele Plätze. Er führte sie dahin, wo die Fabriken ihre großen roten und gelben Fleißfinger in die Luft streckten. Und die Buben hörten das schrille Pfeifen in der Nähe, sie sahen Hunderte von Arbeitern und Arbeiterinnen die Fabriken verlassen. Sie sahen auch Häuser mit vielen, vielen Fenstern; hinter denen bauschten sich nicht luftige weiße Vorhänge, dort arbeiteten von früh bis abends rastlos die fleißigen Männer und Frauen.