Endlich, endlich hielt der Wagen vor ihrem Wohnhause. Sie drückte auf die Klingel, wie sie es sonst nie tat, und schrie Hulda, die öffnete, entgegen: „Sind sie da?“
Erst begriff Hulda gar nicht, was Eva wollte. „Besuch ist nicht gekommen,“ brummte sie. Doch als sie niemand nachfolgen sah, rief sie aufgeregt: „Herrjee, die Jungen sinn weg!“ Und ordentlich stolz über ihre eigene Klugheit fügte sie hinzu: „Das hab’ ich doch gleich gesagt, mit denen geht’s schief!“
Hulda wollte noch viel sagen, was man alles für schreckliche Dinge mit zwei so unnützen Jungen erleben könnte, und daß sie sich niemals welche einladen würde, als Frau von Ringewald herbeikam. Die sah Evas verstörtes Gesicht, sah sie allein und fragte erschrocken: „Die Kinder sind weg, die uns anvertrauten Kinder?“
Eva sank schluchzend in der Mutter Arme, und da begriff Hulda auf einmal, daß dies eine recht betrübliche Geschichte war. Sie schrie: „Ich lauf’ zur Polizei,“ und wupps! war sie weg.
In Hausschuhen, so wie sie ging und stand, lief sie die Straße entlang, und sie ließ sich die elektrische Bahn nicht an der Nase vorbeifahren, obgleich die die allergrößte Lust dazu hatte. Hulda rannte ihr nach, sprang auf, bumste einem etwas dicken Herrn vor den Magen, und als der zu schimpfen anfing, sagte sie gelassen: „Schimpfen Sie nur nicht, uns sind zwei Jungen verschwunden, so was, das ist viel schlimmer als so ’n bißchen Gestoße!“
Da fragten gleich vier Leute zusammen erschrocken: „Jungen sind verlorengegangen? Ja wo denn, wie denn, wann denn?“
Nun erzählte Hulda sehr gern gruselige Geschichten, auch tat sie sich sehr gern wichtig. Also erzählte sie allen Leuten im Wagen von den Sternbuben, und daß sie auf einmal — haste nicht gesehen! — verschwunden wären. Weil sie dabei an Frau von Ringewalds Angst und Fräulein Evas Tränen dachte, wuchs ihr Groll gegen die Buben, und die wurden immer unnützer in ihrer Erzählung. Max und Moritz waren die reinen weißgewaschenen Engelchen gegen die beiden. Schließlich sagte der dicke Herr, den Hulda erst so gestoßen hatte: „I du meine Güte, die müssen Haue haben, wenn sie gefunden werden!“
„Die dürfte man gar nicht einladen,“ rief eine ältere Frau. „Zwei solche Rangen im Haus, na, ich danke!“
Hulda wollte gerade sagen, sie meinte das auch, als der Schaffner rief: „Wächterstraße!“ Das war die Haltestelle, an der sie aussteigen mußte, und sie rannte sehr eilfertig hinaus. Dabei trat sie drei Leuten auf die Füße und purzelte fast vom Wagen, und als sie das Polizeigebäude erreicht hatte, stolperte sie über die Schwelle und rief dem wachthabenden Schutzmann zu: „Sind se da?“
„Ich bin da,“ antwortete der gelassen. „Wer soll denn noch da sein?“