Frau von Ringewald las den himmelblauen Brief, und dabei erhellte ein sachtes, liebes Lächeln ihr blasses Gesicht. „Es sind halt Kinder!“ erwiderte sie. „Erzähle einmal, wie kam’s, daß Hulda den Brief gelesen hat?“

Eva erzählte, und dabei blieb das Lächeln auf dem Gesicht der Mutter, es wurde glänzender, schelmischer, und endlich sagte diese gütig: „Und meine Eva hat die kleinen Gäste schon herzlich satt, gelt?“

„Ein bißchen, ja,“ bekannte Eva. „Ich habe sie mir artiger vorgestellt und dachte, es würde lustiger mit ihnen sein.“

„Kinder brauchen Geduld, mein Mädel. Und sage mir einmal, was haben denn die Schelme so Schlimmes getan? Das Wort hier ist grob, freilich. Sie reden aber in Breitenwert etwas gröber, und Hulda hat die beiden ja auch unfreundlich behandelt, und zu lesen brauchte sie den Brief auch nicht. Na, und heute früh?“

Frau von Ringewald lächelte noch immer, und Eva sah die Mutter unverwandt an; plötzlich schlang sie stürmisch ihre Arme um sie und sagte zärtlich: „Es sind doch liebe Buben, Mutterle; sie haben dich lachen gemacht, und darum will ich auch nicht die Geduld verlieren.“

Und just da trappelte es draußen, und die armen Sünderlein kamen anmarschiert. Sie waren etwas verblüfft, daß Fräulein Eva sie ganz freundlich begrüßte. Sie schielten aber doch verlegen nach dem Unglücksbrief hin, der vor Frau von Ringewald lag. Vor der Tante Pate hatten sie noch eine große Scheu, aber da begann die zu reden, und das klang gar nicht böse. Sie sagte ihnen, sie müßten Hulda freilich um Verzeihung bitten, und ob sie nicht an die Schwester einen andern Brief schreiben wollten.

„Ja,“ rief Mathes eifrig, „ich schreib ihn.“

„Das feine Bögle!“ Peter sah bedauernd drein. „Wir streichen’s durch.“

„Das geht auch!“ Eva brachte flugs ein Tintenfaß und strich selbst das schlimme Sätzle durch, und dann rief sie Hulda, die nach zwei Minuten wie eine Gewitterwolke daherkam. „Den beiden tut’s leid, was sie geschrieben haben, Hulda,“ sagte Frau von Ringewald, „und sehen Sie, es ist durchgestrichen.“

„Hm!“ Hulda seufzte tief und sah ihrer Herrin ins Gesicht. Und auch sie sah, daß diese lächelte, daß ihre Augen ganz froh blickten. Da drehte sie sich blitzschnell um, streckte den Buben ihre Hand hin und verkündigte ihnen: „Ich bin nu nich mehr böse, aber Stricke seid ihr, und irgend ’ne Geschichte wird’s schon noch, solange ihr da seid. Und nu bring’ ich den Kaffee!“