„Könnt ihr das?“ Solche Kletterkünste waren den Mädeln noch nicht vorgekommen, aber ihr Zweifel spornte die Buben zu kühnem Tun an. Eins, zwei, drei! stiegen sie am Gitter empor, und erst plumpste Peter, dann Mathes drüben wie eine reife Pflaume in den Nachbargarten, und ihr Kommen wurde mit großem Jubel begrüßt.
Die beiden Mädel, die ihren neuen Freunden ihre Namen nannten, — die Blonde hieß Irene, die Braune Herta — vergaßen ganz und gar, daß es ihr allerhöchster Ehrgeiz war, sich wie kleine Damen zu benehmen. Aus ein paar Wachspuppen wurden im Umsehen ein paar wilde lustige Mädel.
Mathes und Peter sahen sich erst einmal in dem Garten um und fanden, ein großes Leinenzelt könnte zur Not eine Rauberhöhle sein. „Recht passen tut’s net,“ erklärte Mathes verächtlich, und Herta und Irene sahen ganz betrübt auf das zierliche Zelt mit den weißen Biedermeierstühlen darin. Warum war das nur kein Räuberschlößle wie das im Lindengarten in Breitenwert?
Und dann befahlen die erst so verachteten Wirtshausbuben: „So wird’s gemacht und so,“ und Herta und Irene gehorchten ohne Widerrede. Ein paar Minuten später war das vergnüglichste Spiel im Gang. Alle vier tobten in dem Gärtchen herum, hopsten auch einmal über die Beete, rissen beinahe die Räuberhöhle um, und als Fräulein Eva in den Garten kam, um ihren kleinen Gästen Frühstücksbrote zu bringen, sah sie die Bescherung.
„Aber wie seid ihr denn hinübergekommen?“ fragte sie verdutzt.
„Über das Gitter.“ Und flugs kletterte Mathes am Gitter empor, und flugs war er wieder drüben, Peter tat es ihm nach, und Herta und Irene erhoben ein großes Geschrei: „Geht noch nicht fort, geht noch nicht fort!“
Eva lachte. „Meinetwegen steigt wieder rüber, nur zerreißt euch die Hosen nicht,“ sagte sie, „und verpaßt das Frühstück nicht über eurem Spiel!“
Das Frühstück vergessen!
Die Sternbuben waren ganz baff, wie nur jemand auf diesen Gedanken kommen konnte, und da Fräulein Eva auch noch nicht so lange die Kinderschuhe ausgetreten hatte, fiel es ihr ein, wie frühstückshungrig sie und ihr Bruder stets gewesen waren, und sie lachte herzhaft über ihre eigene Mahnung. Lachend kehrte sie in das Haus zurück, und Mathes und Peter kletterten samt den Frühstücksbroten und den Birnen, die dabei lagen, wieder zu ihren neuen Freundinnen hinüber.
Dann schmausten sie alle vier zusammen sehr vergnügt in der Räuberhöhle, denn Mathes und Peter waren edelmütig genug, von ihrem Überfluß etwas, doch nicht allzuviel, abzugeben. Dabei erzählten sie sich dies und das, und es gab ein gegenseitiges Verwundern und Erstaunen. Was Herta und Irene, die zwei sehr verwöhnte einzige Kinder waren, aus ihrer Schule von ihren Freundinnen, von Theater und Gesellschaften erzählten, kam den Sternbübles höchst sonderbar vor, und die Mädel wieder hörten den Geschichten aus der Löwengasse zu wie einem Märchen. Sie saßen beide auf einer weißen Bank, und trotzdem sie etwas zerzaust waren vom wilden Spiel, kamen sie den Buben doch wieder vor wie zwei Puppen. Aber freilich, diese Puppen konnten reden wie ein paar erwachsene Damen. Von Schulgeschichten und Freundinnenklatsch kamen sie auf die Geschichten, die sich die Dienstboten auf der Straße erzählten, und Herta, die noch naseweiser war als Irene, erzählte auch den erstaunten Bübles, Fräulein Evas Bruder, Fritz von Ringewald, sei durchgebrannt.