Den Buben wurde es seltsam weh, jeder hielt einen Kuchen in der Hand und vergaß das Hineinbeißen, Huldas Weinen klang auch gar zu traurig. Aber wie sollten sie ihr helfen? Sie wagten nicht einmal recht zu ihr hinzugehen, und so hätten sie wohl noch eine lange Weile stumm dagesessen, wenn nicht aus dem Ofen ein verdächtiges Gerüchlein gekommen wäre.
„Die Küchles brennen!“ schrie Mathes erschrocken.
„Herrje!“ Hulda sprang auf, riß die Ofentüre auf und zerrte ein Blech voll dunkelbrauner Küchlein aus dem Ofen. Ehe sie noch in neue Klagen ausbrechen konnte, rief Peter: „Das ist net schlimm, so schmecken sie fein.“
„Ach du meine Güte, gerade das hat er auch immer gesagt, unser Fritz!“
Huldas Tränen flossen aufs neue. Unter Tränen nahm sie die Kuchen vom Blech, unter Tränen legte sie welche auf den Teller der Buben, und dieser Kummer rührte Mathes so sehr, daß er plötzlich aufsprang und rief: „Wenn ich groß bin, geh’ ich ihn suchen.“
„Ich auch!“ Der Peter hatte aber vergessen, erst seinen Bissen runterzuschlucken, er verschluckte sich, hustete und hustete, Hulda schlug ihn auf den Rücken, erzählte etwas von einem Storch, der an der Küchendecke zu sehen wäre, darob mußte Mathes fürchterlich lachen, und ein paar Minuten lachten, husteten und weinten alle drei durcheinander, und im Ofen zischten und brodelten ein paar Töpfe, als wollten sie mittun.
Einige Zeit später kam Ida wieder in die Küche und sah zu ihrem Erstaunen Hulda inmitten der Sternbuben auf der Küchenbank sitzen. Sie schälte Kartoffeln, und ihre Gäste hatten sich ganz dicht an sie angeschmiegt, und als Ida etwas schnippisch fragte: „Ich störe wohl?“ rief Hulda laut „Ja!“ und — die Buben nickten dazu.
So etwas! Ida ging ein bißchen gekränkt wieder hinaus, und Hulda erzählte weiter. Sie erzählte von Fritz von Ringewald, dem entlaufenen Sohn des Hauses. Ihr Liebling war er gewesen, seiner Mutter stolze Freude. Immer heiter, immer fleißig, am frohesten aber, wenn er seine Geige im Arm hatte oder mitsingen durfte im altberühmten Thomaschor. Wie schön das sei, wenn die Buben oben auf der Orgelbrüstung der alten Thomaskirche ständen und sängen, erzählte Hulda. „Wie unser Fritz noch dabei war, bin ich oft hingegangen,“ sagte sie, „und unser Fräulein Eva konnte sich gar nich satt hören an dem lieblichen Gesinge. Es wäre auch alles anders geworden, wenn unser Herr Geheimrat am Leben geblieben wäre, doch der starb so rasch, und unsere gnädige Frau nahm sich das so zu Herzen, sie vergaß beinahe die ganze Welt über ihrem Kummer. Damals hat’s angefangen mit unserem Fritz. Sein Vormund wollte ihm die Musik verbieten, der Fritz trotzte, er hätte sich sonst wohl seiner Mutter anvertraut, aber er wollte ihren Kummer nicht vergrößern. Ach du lieber Himmel, und hat ihr nachher noch viel größeres Herzeleid zugefügt!“
Hulda seufzte tief, und die Bübles seufzten mit. Das Ausreißen erschien ihnen noch immer etwas unverständlich, und Hulda merkte wohl, hatte sie so weit erzählt, mußte sie die Geschichte auch zu Ende führen. Sie fuhr also fort: „Es wäre alles nich so schlimm geworden, wenn unsere gnädige Frau nich hätte fortreisen müssen. Weit weg, nach Italien runter hat sie der Doktor geschickt, und Fräulein Eva hat mitgemußt. Ich sollt’ auch mit, aber ich hab’ mich gegrault vor ’n Land, wo die Leute anders reden als wir. Na, so was, das liebe ich nich. Also ich bin hiergeblieben und wollt’ für unsern Fritz sorgen. Doch das litt der Herr Vormund nich, der Junge mußte zu ihm; er wollt’ ihm die Musik austreiben, hat er gesagt. Zu dumm, daß ich das nich der gnädigen Frau geschrieben habe! Denn die hat von alledem keine Ahnung gehabt, der Vormund war doch ihr Bruder, bei dem, meinte sie, wäre der Fritz gut aufgehoben. Es sind aber zwei harte Köpfe zusammengekommen, und eines schönen Tages, sechs Monate war die Mutter weg, ist der Fritz auf und davon gegangen. Haste nich gesehen, da siehste, weg war er! Hinterher hat’s dem Herrn Onkel schon leid getan, er hat suchen lassen, aber ’ne Stecknadel hätte man leichter gefunden als unsern Fritz. Weg war er, und weg ist er geblieben. Ich denk’ immer, der ist in Amerika bei den Schwarzen.“
„Ich such’ ihn,“ schrie Mathes.