Das war erst etwas! Ein Dutzend Augen hätten die Buben hier haben mögen, das halbe Dutzend genügte nicht mehr. Was war das Breitenwerter Karussell gegen die Prachtbauten hier! Die hatten gleich ein paar Stockwerke, und ihre Pferde und Wagen, ihre Schlitten und Schaukeln stammten gewiß alle aus einem Königsschloß. Das glitzerte wie von tausend Edelsteinen, und Hulda erzählte: „Abends, wenn die Lampen brennen, dann ist so viel Licht, daß ich allemal denke, unsere liebe Sonne muß sich recht ärgern über das Gefunkle. Na, und nu seht mal dahin, das ist ’n Ding! Wenn man da mal drauf fährt, ist’s einem nachher, als hätte man die Drehkrankheit und Stecknadeln in den Beinen.“

Ganz erschrocken sahen Mathes und Peter zu dem hohen, wundersamen Aufbau empor, den Hulda ihnen zeigte. Es war eine Luftschaukel. In kleinen Gondeln sausten die Menschen durch die Luft, sie lachten und winkten, es sah gar nicht aus, als fänden sie das Fahren so schrecklich wie Hulda. Doch die brummte: „Erst soll’n die mal runterkommen, nä, da laß ich euch nich drauf. Seht mal dort, da ist ’n Zaubertheater.“

Neben dem Zaubertheater stand noch ein Gebäude, neben dem wieder eins und so fort. Buden konnte man diese stattlichen Holzbauten gar nicht mehr nennen. Und während sich die Buben umschauten, und es ein Wunder war, daß ihre Hälse dies viele Hinundherdrehen aushielten, krähte unweit von ihnen eine heisere Stimme: „Seht wohl, ich bin auch da!“

„Kasperle!“ schrieen Mathes und Peter und sahen dahin und dorthin, und dann stürzten sie, ohne sich um Hulda zu kümmern, auf ein kleines Budchen zu, das wie ein verhutzeltes Fraule zwischen einer Schaubude und einem Karussell stand. Das Budchen hatte einen kleinen roten Vorhang, und aus einer Luke blickte wirklich Kasperle hervor, genau so wie er es auf dem Breitenwerter Jahrmarkt tat.

„Kasperle,“ riefen die Buben noch einmal, „bist du auch da?“

„Nu freilich!“ antwortete Kasperle, der hier in Leipzig Sächsisch redete. Seine Stimme klang recht kläglich, denn dem armen Kasperle ging es auch sehr schlecht hier. Seine Nachbarn machten so viel Musik und Getöse, daß die meisten Leute ihn gar nicht hörten. Auch Hulda schalt: „Hier bleiben wir nich stehen, das ist ja nur ’ne kleine Schmierbude!“

„Allerschönstes Madamchen, laufen Se man nich fort!“ flehte Kasperle. „Ich hole auch gleich meine Frau und den Teufel und den König, und wen Se noch wollen.“

„Unsinn!“ brummte Hulda. Aber da bettelten Mathes und Peter mit glänzenden Augen: „Wir wollen doch bleiben! Der Kasperle ist auch immer bei uns.“

Komisch, dachte Hulda, nu sollen die sich die Messe ansehen, und dann bleiben sie vor so ’n Jammerding stehen, weil das in Breitenwert so ist.

Kein Bemühen und Seufzen half, wo Mathes und Peter einmal standen, da standen sie, und Kasperle gab sich auch alle Mühe, seinen Zuhörern Freude zu machen. Er schlug Purzelbäume, zankte sich mit dem Teufel und haute sich mit ihm, machte die tollsten Späße, und der Teufel wurde fuchswild darob.