Die drei traten nun in einen großen, hellen Saal ein, in dem viele kleine Tische standen. Fast alle waren sie schon besetzt, aber schließlich fand sich neben einer kleinen Treppe noch ein freier Tisch für die neuen Gäste. Das Treppchen führte zu einer kleinen Bühne empor, auf der ein paar Männer in bunten, seltsamen Gewändern saßen und Geige spielten.

„Das sind die Zigeuner,“ erklärte Hulda. Sie selbst sah kaum zu den Spielern auf, sie sah sich lieber um, sah sich die Menschen an, die im Saal saßen, und außerdem dachte sie ungeduldig an Kaffee und Kuchen.

Mathes und Peter aber starrten unentwegt zu den Zigeunern empor. Durch Breitenwert waren einmal solche gezogen, die hatten freilich nicht so bunt und sauber ausgesehen, sondern recht zerlumpt und schmutzig. Käthle im Silbernen Stern hatte allerlei wunderbare Geschichten von ihnen erzählt, hatte gesagt, sie könnten wahrsagen, es ginge aber nie in Erfüllung. Auch Kinder sollten sie rauben, stehlen und sonst allerlei unbehagliche Taten tun. Alles hatte ein bißchen graulich geklungen, und Mina hatte alles dumme Räubergeschichten genannt. Jedenfalls waren Zigeuner Leute, die sich für zwei Buben schon des richtigen Ansehens lohnten, zumal wenn die Buben selbst gemütlich am Kaffeetisch saßen.

Mathes und Peter besorgten darum das Anschauen auch recht gründlich und suchten allerlei Räuberhaftes an den Zigeunern zu entdecken. Dies war ein vergebliches Bemühen. Die vier Männer sahen nämlich sehr gutmütig aus, kein bißchen grimmig, und so braun und dunkelhaarig, wie eigentlich Zigeuner sein sollten, waren sie auch nicht. Ja, sonderbar genug, der eine hatte zwar schwarze Haare, dazu aber kornblumenblaue Augen, solche, wie Fräulein Eva sie hatte. Er wandte den Buben halb den Rücken zu, aber jedesmal, wenn er sich etwas drehte, stießen die beiden sich an, und endlich tuschelte Mathes dem Bruder zu: „Das ist er!“

Peter sah etwas zweifelhaft drein, so ganz klar war ihm die Sache nicht. Doch als der Zigeuner einmal nach ihnen hinsah, nickte er ihm zutraulich zu, und Mathes nickte auch.

„Herrje! Wem nickt ihr denn da zu?“ fragte Hulda erstaunt. „Kennt ihr denn jemanden?“

„Ja, den Zigeuner oben,“ flüsterte Mathes, „der hat uns gestern heimgebracht.“ Und sein Fingerlein wies Huldas Blicken den Weg.

„I nä!“ Hulda starrte nun auch zur Bühne empor, aber da hatte sich der Zigeuner gerade umgedreht, und nur sein Rücken war noch zu sehen. Da murmelten die Buben auf einmal höchst erstaunt: „Gestern war er aber blond!“

„Dann ist er’s eben nich!“ Hulda lachte. „Ihr seid schon ’n paar Dummchen; wie soll denn ’n Zigeuner wissen, wo ihr hingehört, die sind doch fremd hier. Und wenn einer einen Tag blond ist und den anderen schwarz, dann ist er eben ein anderer.“

Und nach dieser Rede Huldas kam der Kaffee und der Kuchen, und alle drei vergaßen ein Weilchen die Zigeuner vollständig. Erst beim Weggehen dachten die Buben wieder an den geheimnisvollen Mann, und gerade als sie hinsahen, blickte sie der Zigeuner an. Sein Blick war freundlich und vertraut, und alle beide pufften Hulda gelinde, und Peter schrie laut: „Er ist’s doch! Da, er sieht uns.“