„Kommt!“ mahnte Hulda.
Doch die Buben rührten sich nicht. Die starrten wie verzaubert auf den bunten Vorhang der kleinen Bühne. Dahinter waren nun die lustigen, drolligen Spieler verschwunden, und als Hulda wieder zum Aufbruch drängte, da riefen beide: „Es war so kurz!“
„Je, ihr wollt wohl sechs Stunden mit ’ner Draufgabe hier sitzen!“ murmelte Hulda. „Nächstes Mal da gehen wir wieder her, nu kommt, wir müssen nach Hause gehen. Fräulein Eva denkt sonst, sie haben uns gleich dabehalten.“
Da lösten endlich die Bübles mit einem tiefen Seufzer ihre Blicke von dem Vorhang los. Es war wirklich eine schwere Trennung, und als sie durch das Theater schritten, das schon ganz leer war, und in dem nur noch ein paar Lampen brannten, drehten sie sich so häufig um, daß Hulda sagte: „Ihr werdet noch mit den Augen rückwärts heimkommen! Jetzt aufgepaßt, hier geht’s raus!“
Und da waren sie draußen. Der Spätsommertag neigte sich schon seinem Ende zu, und nur ein breiter roter Streifen am Himmel erzählte vom Tag, der vergangen war. Nach diesem schönen Himmelsschein sah aber niemand; auf dem Meßplatz war es hell genug. Alle Buden und Karussells hatten flink ihre Lampen angezündet; rote, blaue, gelbe, grüne Lichter glänzten auf. Das funkelte, schimmerte und flimmerte wie in einem Märchenland. Die Schaubuden hatten sich in Feenpaläste verwandelt, und die Karussells glitzerten, als trügen sie Edelsteine zum Schmuck. Und immer neue Lichter flammten auf, immer heller wurde der Glanz, und immer fröhlicher klang das Dudeln der Leierkasten, das Geigen und Blasen der Instrumente.
Die Luftschaukel stieg auf und ab, die Karussells drehten sich, die Menschen lachten und jauchzten, und immer mehr und mehr kamen und füllten den weiten Platz.
Der rote Streifen am Himmel verlosch; blaß, fein und noch ein wenig schief ließ der Mond sich sehen. Sehr vergnügt sah er gerade nicht auf das Lichtergewirr herab; das ärgerte ihn tüchtig. Er dachte wohl: Ihr dummen, dummen Menschen, was braucht ihr den vielen Glanz? Habt ihr nicht uns, die schönen, sanften Himmelslichter?
Es war wirklich gut, daß der Mond seine betrübte Frage nicht an die Sternbübles richtete, denn die hätten ihm sicher in diesem Augenblick eine blitzdumme Antwort gegeben. Die meinten nämlich, es könnte auf der ganzen Welt nichts Wundervolleres geben als dies blitzende, bunte, funkelnde Durcheinander; sie hätten hinten, zu Seiten, oben auf dem Kopf und gar noch an jeder Fingerspitze Augen haben mögen, um nur alles recht genau zu sehen. Sie rissen ihre Äuglein zwar weit genug auf, es langte aber immer noch nicht, und darum stießen sie da und dort an, stolperten, drehten sich wie Kreisel, so daß Hulda immer wieder mahnen mußte: „Kommt, kommt, es ist Zeit!“
Bums! rannte Peter an einen Mann an, der ein großes Plakat trug und mit lauter Stimme irgend etwas schrie.
„Dummer Bengel!“ schalt er, und Hulda ergriff ihren Schützling. „Junge, sieh dich doch vor!“ mahnte sie. „Komm! Herrje, wo ist denn Mathes?“