„Ach, das hast du ja geträumt!“
„Noi, ich hab’s net geträumt!“
Mathes blieb dabei, und da auch Annedore und Peter von dem Zigeuner erzählten und Annedore ihn als sehr unheimlich schilderte, sagte Eva, doch etwas ängstlich geworden: „Ihr dürft gar nicht mit ihm sprechen; das nächste Mal lauft ihr gleich in das Haus zurück, wenn er noch einmal kommen sollte. Und nun schnell, sonst wird es zu spät für das Museum.“
Es gab einen kurzen Abschied von Annedore, die wieder heim mußte, und dann trabten die Buben neben Tante Eva her in die Stadt hinein. Durch breite, schöne Straßen ging’s, über weite Plätze, auch durch ein paar enge Gäßlein. Selbst durch etliche Häuser hindurch führte Eva ihre Schützlinge. Diese langgestreckten, hohen Häuser, die manchmal zwei, drei Höfe hatten, glichen eher Gassen, und sie gefielen den Sternbuben sehr. Noch besser gefiel es ihnen freilich dann, mit ihrer jungen Tante in einer Konditorei zu sitzen und Kuchen zu schmausen. Wie sie so an einem Marmortischchen saßen und von einem Kellner bedient wurden, kamen sie sich ungeheuer wichtig vor. Sie dachten, alle Leute müßten sehen: Da sitzen die Sternbuben aus Breitenwert und essen Kuchen; nein, wie vornehm!
Sie waren in ihrem ganzen Leben noch nicht in einer Konditorei zum Kuchenessen gewesen, denn in Breitenwert gab es nur eine einzige, und in die gingen nur die großen Leute; für Kinder war da kein Platz. Einzig schade war, daß die Freunde aus der Löwengasse nicht zuschauen konnten, um sie beide zu bewundern. Die hätten Augen gemacht, o je!
Doch es kam niemand und wunderte sich, und dem Kuchen ging es, wie es Kuchen einmal geht, er wurde alle, das Vergnügen war zu Ende. Ein Weilchen später stiegen Mathes und Peter die breite Freitreppe zum Museum empor. Eva öffnete die schwere Eingangstür, und drinnen umfing kühle Stille die drei. Der hohe, weite Raum, die breite Treppe innen, alles kam den Buben ungeheuer prächtig vor, und Peter wagte die schüchterne Frage: „Ist das ein Schloß?“
„Ein Schloß ist’s nicht, aber schön ist’s, gelt?“
Die Buben nickten nur. Die Feierlichkeit des Raumes bedrückte sie fast, und die vielen Bilder an den Wänden verwirrten sie. Doch Eva führte sie zuallererst vor ein Bild, das ihnen beiden ausnehmend gefiel. Da saß der Herr Jesus in einer hellen, sonnigen Stube, und viele Kinder umdrängten ihn, Kinder, wie sie daheim in Breitenwert herumliefen. Fein und lieblich war das Bild, recht zum Freuen. Nach diesem gab es andere Bilder zu sehen; manche fanden Mathes und Peter langweilig, manche gefielen ihnen, eigentlich aber fanden sie, es wären zu viele Bildles da. Unten hingen welche, oben hingen welche, und wenn man dachte, nun ist’s zu Ende, da kam wieder ein Saal, ein Zimmer und wieder Bildles, große und kleine.
Eva von Ringewald liebte ein Bild besonders. Eine Berggruppe stellte es dar, die im ersten Schein der Morgensonne glänzte. Dieses Bild war für sie eine Erinnerung. Diese schönen Schweizer Berge hatte sie einmal so glänzen sehen mit dem verlorenen Bruder zusammen. Damals hatten sie lustige Pläne geschmiedet; nach Indien wollten sie reisen, nach China, weit, weit in die schöne Welt hinaus.
An all das dachte Eva, während sie mit den Buben auf der Polsterbank vor dem Bilde saß, und sie vergaß ihre beiden Schützlinge darüber etwas. Ganz still waren die, merkwürdig still.