„Mutti, dürfen wir auf die Straße?“

Das Trüpplein steht vor der Mutter, die Augen glänzen unternehmungslustig, sie hoffen auf ein Ja, und die Mutter sagt es auch, sie sagt es freilich ungern und zögernd, es ist ihr gar nicht recht, wenn die Kinder allein spielen. Doch, um sie spazieren zu führen, dazu fehlt es ihr an der Zeit, und die drei lebhaften Dinglein immer in der engen Wohnung zu lassen und ihnen kein Draußensein zu erlauben, geht doch auch nicht an. Luft und Sonne, sie brauchen beide so nötig.

Doch der Mutter ist die Straße unheimlich, ihre Flurnachbarin hat gesagt: „Das sind Kleinstadtgewohnheiten, die muß man überwinden. Wer nicht mit 'nem goldenen Löffel in der Hand geboren ist, der darf sich heute nicht absperren. Meine Kinder sind immerzu auf der Straße, da werden sie dreist und umgänglich und kommen nachher gut fort im Leben.“

Gut fortkommen im Leben, es leichter haben als ich sollen meine Kinder auch, denkt Frau Anna. Um ihretwillen ist sie ja weggezogen aus der lieben kleinen Heimatstadt, auf deren Plätzen noch die Brunnen rauschen wie in einem Eichendorffschen Liede. Kluge Ratgeber haben gemeint, sie würde in der Großstadt bessere Arbeitsgelegenheiten haben, und sie ist dem Rat gefolgt und hat wirklich die erhoffte Arbeit gefunden, nun sitzt sie von früh bis abends an der Maschine und stickt mit farbiger Seide feine schöne Blumen und Muster auf köstliche Stoffe. Dem Prunk und heiterem Glanze dient die Arbeit ihres einsamen Lebens. Ihr Mann ist tot und die Sorge für ihre drei Kinder ruht auf ihr. Eine schwere Sorge, ja, und doch eine liebe Sorge.

Frau Anna hört die Flurtüre klappen, jetzt trappeln ihre drei die Treppen hinab, und der große Bruder, der nun bald ein Schulrekrut ist, beschützt sorgsam die kleinen Schwestern, so wie er es daheim schon tat.

Wenn nur die Straße, der sie zustreben, auch jener der verlassenen Heimat gleichen möchte: Da hatten sich Gärten zwischen die Häuser geschoben und die Bäume hatten im Frühling ihre Blüten, im Sommer und Herbst wohl auch einen Teil ihrer Früchte auf die Straße niederfallen lassen, zum Ärger ihrer Besitzer, zur Freude der Kinder.

Die Maschine klappert, Stich um Stich. Frau Anna stickt verschlungene Linien auf blauen Grund; wer der Linien Anfang und Ende nicht kennt, hält das Ganze wohl für ein regelloses Gewirr, und doch ist es ein Muster, schön und geheimnisvoll, schwer zu enträtseln freilich, wie manchmal des Lebens Gang.

Die Zeit vergeht. Frau Anna sieht nach der Uhr und erschrickt, die Kinder bleiben doch so lange aus.

Sie wird unruhig und wartet, und die Arbeit schreitet langsamer voran. Da endlich krabbelt es draußen an der Flurtüre, ein zaghaftes Klingeln ertönt. Das ist doch nicht der Seppel, der klingelt immer herzhafter, vom Stuhl kann man fallen vor Schreck, wenn der Einlaß begehrt. Frau Anna geht und öffnet und sie findet draußen Ruth und Trinchen stehen, und allen beiden laufen die Tränen über die Bäckchen. „Seppel ist fortgelaufen“, klagt Ruth, und das Trinchen jammert: „Fottelaufen!“ Seppel hat die Schwestern allein gelassen! Zum erstenmal tat er das.

Frau Anna denkt nur an ein Unglück, das geschehen sein muß, und sie bringt es kaum noch fertig, die etwas redselige, aber immer hilfsbereite Nachbarin um Schutz für ihre beiden Kleinen zu bitten, dann rennt sie eilig die Treppe hinab, ihren Jungen zu suchen, ihren Liebling. Wo ist er, was ist ihm begegnet?