Sie braucht nicht weit zu gehen, da findet sie ihn schon. Er steht mitten unter einer Schar von Buben, der Kleinste ist er unter ihnen, aber sein Stimmlein kräht doch laut im Chore mit.
„Seppel!“ Als die Mutter ihn ruft, schrickt er zusammen, er blinkert verlegen mit den Augen, denn leise dämmert der Gedanke an die verlassenen Schwestern in ihm auf. Unsicher murmelt er: „Sie sind weggelaufen.“
„Nein, du bist weggelaufen!“ Frau Anna sagt es ganz ruhig, und ein heimliches Lachen kommt ihr, als sie in Seppels bedrücktes Gesichtlein sieht, sie straft ihn aber doch mit Worten, wenn sie auch milde sind, und schon auf der zweiten Stiege stammelt der Kleine reumütig die Bitte um Verzeihung, sagt, er will's nicht wiedertun. Das Versprechen kommt aus ehrlichem Herzen, und die Mutter atmet auf, als sie ihre drei wieder beisammen hat.
Am nächsten Tag gelobt Seppel feierlich, die Schwestern treu zu hüten, und sie kommen auch alle drei vereint wieder zurück, ein bißchen verheult sieht das Trinchen aus, es ist hingefallen, weil die beiden Großen zu schnell gelaufen sind. Der Feuerwehr nach.
Was kommt alles auf so einer Straße daher, was zum Nachrennen verlockt!
Besonders so einen kleinen, kecken Draufgänger, wie der Seppel ist, einen, der einem dummen Streich nicht immer ausweicht und dem sich leicht ein Geschehen im Bewußtsein vergrößert und verschiebt, weil seine bewegliche Phantasie alles zu einem besonderen Erleben gestaltet.
Wenn die Kinder zurückkommen, haben sie immer viel zu berichten, sie nennen auch Namen von anderen Kindern, und manchmal fallen Worte, bei denen die Mutter erschreckt aufhorcht und mahnt, das sagt man nicht und dies nicht. Nur das Trinchen hat immer weinerlich das gleiche Erlebnis zu beklagen. „Bin defall'n.“
Frau Anna merkt es, das Trinchen kommt bei dem Auf-der-Straße-Spielen zu kurz, und an einem Tage, der warm und sonnenreich ist, als wäre es schon Frühling, verläßt sie die Arbeit und geht ihren Kindern nach, um zu sehen, mit wem sie unten spielen.
Als Frau Anna die Straße betritt, erschrickt sie vor ihr. Der warme Tag hat mehr Menschen als sonst herausgelockt, und die Straße ist ganz erfüllt von brausendem Leben, ihr, der Kleinstädterin, erscheint es ungeheuer, und doch rechnet der Einheimische diese Straße zu den stilleren der Stadt. Die Mutter schaut ängstlich nach ihren Dreien aus, und übersieht dabei beinahe das Trinchen, das auf der Bordschwelle zwischen Bürgersteig und Fahrdamm sitzt, ganz allein hockt es da und haut mit einem alten Blechlöffel immer auf das Pflaster und summt vor sich hin: „Bumsa, bumsa!“ Die Puppe liegt daneben, und inmitten alles Lebens erscheint der Mutter ihr Kleinchen so unsäglich verlassen, daß ihr die Tränen kommen. Sie hebt es auf, und Trinchen jauchzt laut beim Anblick der Mutter, aber gleich klagt es wieder, wie so oft: „Bin defall'n.“
Nach Ruth braucht Frau Anna nicht weit zu suchen, die kommt bald angerannt, will nach dem Schwesterchen sehen und erzählt strahlend, sie hätten Haschens gespielt, aber das Trinchen könne noch nicht so geschwind laufen. Und Seppel?