Der spielte mit den großen Jungen Krieg, er hatte die Schwestern wieder vergessen, und als die Mutter suchend die Straße entlang geht und eine ganze Schar Buben daherstürmen sieht, begreift sie es, Seppel ist eben ein Junge, er will sich austoben. Diesmal ist Seppel auch gar nicht reumütig, ja er brummt, als die Mutter ihn ruft, und er setzt das Brummen oben fort; denn er kommt sich ein wenig wie gefangen im Käfig vor.

Am nächsten Tag hat sich der vorzeitige Frühlingsglanz in Regen verwandelt, und auf Frau Annas Herz ist eine neue Sorge gesunken, Trinchen fiebert und liegt im Bett. Die Nachbarin holt bereitwillig den Arzt herbei, der kommt auch und beruhigt die Mutter, es wäre nicht schlimm. Dennoch wagt sich Frau Anna von der Kleinen nicht fort, und da die Nachbarin keine Zeit hat, schickt sie Seppel nachmittags auf die Straße, er soll allerlei einholen. Sein Wiederkommen dauert sehr lange, und als er endlich kommt, tanzt die Klingel nicht so lebhaft wie sonst, nur zaghaft tönt sie, und Seppel kommt sehr bedrückt in das Zimmer, und sein Blick weicht scheu dem der Mutter aus. Was bedrückt ihn denn?

Frau Anna prüft das Eingeholte, es ist alles da, nur das Geld, das Seppel zurückbringen soll, fehlt. Er hat es verloren. Noch während er das Wort ausspricht, kommen ihm die Tränen; er heult laut und erklärt schluchzend, man hätte es ihm fortgenommen.

„Wer denn?“

Seppel schweigt. Im Mundwinkel und am Kinn sieht die Mutter zwei verdächtige braune Fleckchen, und sie frägt und forscht, und da kommt es denn heraus, zwei Freunde von der Straße, zwei größere Jungen, haben Seppel das Geld fortgenommen und es in Näschereien angelegt, ihm haben sie ein Beuteteilchen davon abgegeben und den guten Rat dazu, das Märlein vom verlorenen Gelde zu sagen. —

In dieser Nacht findet Frau Anna keine Ruhe. Sie sitzt an Trinchens Bett und hört den Atem des Kindes ein wenig unruhig gehen. Nebenan in der Kammer schlafen Ruth und Seppel tief und fest. Der Bube ist unter Tränen eingeschlafen, und als die Mutter einmal zu ihm geht, sieht sie ein Lächeln auf seinem Gesichtchen kommen und gehen, seine Schulderkenntnis ist noch nicht so tief, um ihm den Schlaf zu stören, noch spürt er nicht, wo sich die Wege senken, die in die Tiefe führen.

Frau Anna geht ruhelos zwischen Kammer und Stube einher. Trinchen schläft jetzt ganz ruhig, und sie tritt an das Fenster und sieht auf die Straße hinab.

Es hat geregnet und die Lichter spiegeln sich auf dem feuchten Pflaster. Die Fenster gleichen alle geschlossenen toten Augen, nur zwei glänzen noch hell in die Nacht hinaus. Und Frau Anna denkt, wer ist es, der dort noch wacht, vielleicht auch eine Mutter in Sorge wie ich?

Da hallen Schritte unten. Ein paar Männer reden laut, Frauenstimmen mischen sich hinein und ein häßliches kreischendes Lachen schallt auf. Dann verlieren sich Schritte und Stimmen in der Ferne, nur der häßliche Nachklang bleibt Frau Anna noch im Ohr. Und ein Grauen packt sie vor der langen dunklen Straße da unten, der großen Verführerin. Was verhüllt und verbirgt sie alles, was erblickt der Wissende und hört der Hörende, wenn er sie entlang geht? Wieviel Jugend, wieviel lachender Leichtsinn fiel ihr schon zum Opfer!

Da tönt nebenan ein leises Rufen auf und rasch tritt sie zurück und geht wieder zu ihren Kindern. Seppel sitzt aufrecht im Bett und als die Mutter in den Lichtschein der Lampe tritt, blinzelt er schlaftrunken. „Durst, Mutti“, murmelt er.