Frau Anna läßt ihn trinken. Er schluckt ein paarmal, zuletzt schon mit geschlossenen Augen, dann sinkt er zurück, greift noch tastend nach der Mutter Hand und ein ganz holdes Lächeln geht über sein Gesichtchen. Mutti! Da ist er wieder eingeschlafen und vielleicht tummelt er sich nun schon auf der allerbuntesten Traumwiese herum. Der Mutter Hand aber hält er fest, und aus dieser kleinen Hand scheint der Frau ein Kraftstrom zuzufließen. Ihr Herz schlägt ruhiger, still sitzt sie im warmen Schein der Lampe, draußen liegt die Straße im Dunkel, aber innen ist Licht und Leben. Liebes junges Leben, das ihr gehört. Wird sie es schützen können gegen die Welt draußen?

Sie lächelt tapfer. Meine Kinder, denkt sie, meine Kinder, und es ist ihr als fühle sie ihre Stärke wachsen. Riesenkraft kann eine Mutter haben.

Hansels Liebe.

Elf Tanten und vier Onkels, alle sollte Hansel lieben, und er stopfte sie auch wirklich alle in sein Herzelein hinein, so gut es ging, er spendete Patschhände und freundliche Blicke, er ließ sich auch mal küssen, doch glücklicherweise nicht allzugern. Und wenn die Tanten gar zu lange bei seiner Mutter blieben, war er höflich und öffnete die Flurtüre und rief in das Zimmer hinein: „Ich habe schon die Türe aufgemacht.“

Machte er Pläne für künftige Lebenszeiten, er schwankte, ob er Kutscher, General oder Schutzmann werden sollte, dann brachte er auch da und dort einen Onkel oder einige Tanten unter, von letzteren versprach er etlichen die Ehe und einen Onkel ernannte er schon zu seinem Trompeter, im Fall er das Generalsein erwählte.

Die Tanten waren mitunter ein bißchen eifersüchtig gegenseitig auf Hansels Liebe, obgleich der Kleine seine Gunst ziemlich gerecht verteilte und die Schokolade von Tante Anna genau so gern aß wie die von Tante Ida, sie hätten aber alle gern in seinem kleinen Herzen auf dem Sofa neben Vater und Mutter gesessen, aber der Platz gehörte für einige Zeit jemand, der gar nichts davon ahnte.

Am eifersüchtigsten warb Tante Ida um Hansels Liebe; mit süßen Gaben, mit Spaß und Neckerei suchte sie das kleine Herz an sich zu fesseln, es gehörte ihr auch, bis die seltsame Nebenbuhlerin kam.

Ein Vorfrühlingstag war es. Ein rauhes Lüftlein wehte, und Tante Ida strebte mit Hansel heimwärts, sie fand, es sei Zeit, und sie war der Ansicht, ihr Tantenamt gut erfüllt zu haben. Eine Trillerpfeife — seine höchste Sehnsucht zur Zeit — steckte in seiner Tasche, ein Küchlein ruhte auf dem Grunde seines Magens, und immer hatte Tante Ida vorsichtig die Sonnenseite aufgesucht.

Und auf einmal walzte sie daher: „Hansels Liebe“.

Die Straße zitterte und dröhnte, schwarz, ungeheuer, fauchend kam sie angekeucht, die Dampfwalze.